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2017/2 Tatorte

Tatort, Täter und Motive – Buchdiebstahl in der Bibliothek

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Habsucht und Leidenschaft: Dies sind die Motive, weshalb Menschen Bücher aus Bibliotheken stehlen. Die einen wollen sie gewinnbringend verkaufen, die anderen pflegen sie, umgeben sich mit ihnen und bauen eine eigene Bibliothek auf

Buchdiebstahl ist ein von Bibliotheksmitarbeitern häufig beklagtes Phänomen und vorgetragenes Argument gegen mehr Kundenselbstbedienung. Das war in der Vergangen-heit so, etwa bei der Wandlung von Magazinbibliotheken zu Freihandbibliotheken, und ist auch heute so, beispielsweise, wo über die 24-Stunden-Öffnung ohne durchgehend anwesendes Personal oder über das Selbstabholregal statt Abholtheke oder die Aufhebung der Garderobenpflicht entschieden werden soll.   

Ist Buchdiebstahl tatsächlich ein Massenphänomen? Empirische Belege fehlen in der internationalen Fachliteratur. Dafür gibt es einen Grund: Es ist nicht einfach zu ermitteln, ob das im Regal fehlende Buch tatsächlich gestohlen oder verstellt wurde oder ob die Ausleihe oder ein Sonderstandort nicht verzeichnet wurden. Es kann also keine Diebstahlstatistik geben.

Eine mögliche Methode, um zu belastbaren Erkenntnissen zu gelangen, ist der Blick in die Medien. Wir haben Presseartikel, die in den Jahren 1990 bis 2013 von «Bücherklau und Seitenraub» berichteten, gesucht und nach verschiedenen Kriterien ausgewertet (Andrea Nikolaizig, Cornelia Schwarzer: Tatort Bibliothek – Bücherklau und Seitenraub, Berlin 2015). Unsere Analyse lässt folgende Aussagen zu:

1. Bibliotheksdiebstahl ist kein Massenphänomen, wie von manchen Medien suggeriert sowie von Laien und Kollegen verbreitet wird. Für die 23 Berichtsjahre fanden wir 61 Fälle, belegt mit 258 Quellen. Mindestens 175 Bibliotheken waren von Diebstahl betroffen, 96 davon in Deutschland, 79 in anderen Ländern.

2. Die Klischees von den besonders diebischen Jura- und Theologiestudenten und von dem sich permanent selbst bedienenden Bibliothekspersonal liessen sich nicht belegen. Von den Massenmedien werden Bibliothekarinnen und Bibliothekare gern als Haupttätergruppe identifiziert. Mit Schlagzeilen wie «Und meist waren es die Bibliothekare selber» (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Januar 2005) oder «Den Bock zum Gärtner gemacht» (Basler Zeitung, 16. August 2012) nährt selbst die seriöse Presse am Beispiel weniger spektakulärer Fälle die Vorurteile gegen eine ganze Berufsgruppe.

Die Anzahl der aus 23 Jahren berichteten Fälle spricht eine andere Sprache – nur fünf von 68 Tätern, deren Berufe identifiziert wurden, waren Bibliothekare; sechs von ihnen waren Studenten, die anderen Historiker, Lehrer, Karten- und Atlantenhändler, Professor, Germanist, Antiquar, Arzt, Jurist, Kunstsammler, Ingenieur, Buchhalter, Beamter, Arbeitssuchende. Eine besondere Rolle spielt die organisierte Kriminalität.

3. Zwei Tatmotive fallen auf: Bücherliebhaberei und Bereicherung. Habsucht dominiert als Hauptmotiv: 40 von 68 Tätern stahlen aus finanziellen Gründen. Davon betrieben 30 Einzeltäter sowie die kriminellen Banden gewerbsmäßigen Diebstahl, der auf eine längerfristige Einnahmequelle abzielte. In erschreckender Weise agiert ein Nachfragemarkt für historisch wertvolle Bestände, der bereitwillige Auftragsdiebe und Hehler findet. Neun Täter stahlen mit einmaliger Verkaufsabsicht.

Mit dem Wort Leidenschaft lässt sich das zweitstärkste Motiv beschreiben: Leidenschaft für ein Thema und Leidenschaft für alte Bücher. Ein 63-jähriger Mann «sammelt» in verschiedenen Bibliotheken rund tausend Bücher über amerikanische Geschichte. In seiner Wohnung wächst seine eigene Bibliothek, er «inventarisiert» alle Bücher gewissenhaft: Datum des Diebstahls und Herkunftsbibliothek schreibt er in jedes Buch. Er will die Bücher nicht einfach nur besitzen, er studiert sie mehrfach, so dass man sie nach der Tataufdeckung wegen ihres schlechten Zustands den bestohlenen Bibliotheken nicht zurückgeben kann. Gestellt wird er 2007 auf frischer Tat beim Verlassen des John F. Kennedy-Instituts in Berlin-Dahlem mit Diebesgut.

Ein anderer Fall von Leidenschaft ist der eines Lehrers aus Strassburg: Ihm taten die alten Bücher im Kloster Odilienberg so leid, dass er sie mit nach Hause nahm, restaurierte und sich mit ihnen umgab. Seine Einbrüche sind Abenteuer: In einem Archiv fand er einen alten, vergessen Plan des Klosters mit einem Geheimweg, der in einen Schrank in der Bibliothek führt. Er beschreitet ihn 18 Monate lang regelmäßig unter schwierigen Bedingungen, denn er muss Mauern erklimmen und sich wieder abseilen. Als ehemaliger Marineoffizier ist er gut trainiert. Erst durch Videoüberwachung kommt man dem mysteriösen Buchverlust auf die Spur. Das Gericht verurteilt den Täter zu einer Busse, der Staatsanwalt verabschiedet ihn mit einer Nachricht des Erzbischofs von Strassburg: Dieser und der Bibliothekar des Klosters hätten ihm vergeben.

Die Anzahl der aus 23 Jahren berichteten Fälle spricht eine andere Sprache – nur fünf von 68 Tätern, deren Berufe identifiziert wurden, waren Bibliothekare.
Bild Nikolaizig

Andrea Nikolaizig

Prof. Dr. phil. Andrea Nikolaizig lehrt seit 1992 an der Fakultät Medien und am Studiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig. Schwerpunkte sind Bibliotheksmarketing, zielgruppenorientierte Dienstleistungen sowie Bibliotheksbau und Bibliothekseinrichtung. Sie studierte nach einer Berufsausbildung zum Facharbeiter für chemische Produktion und dem Abitur Bibliotheks- und Informationswissenschaft in Leipzig und Berlin sowie Pädagogik in Leipzig

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*Pflichtfeld

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Qui vole des livres? Pourquoi? Et combien ? Malgré ce que suggèrent certains médias, collègues et non-initiés, le vol en bibliothèque n’est pas un phénomène de masse. Les clichés des étudiants en droit ou théologie voleurs de livres, ou encore le profil du personnel de bibliothèque se servant parmi les rayons, ne peuvent être confirmés. Outres les bandes organisées qui tentent de faire recette, les anciens enseignants laissent libre cours à leur passion et complètent ainsi leurs propres bibliothèques.