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2016/1 Geist & Geistliches

Das elfte Gebot: «Du sollst deine Bibliotheken erhalten!»

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Romancier Charles Lewinsky fischt oft im Buchstabenteich der jüdischen Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Als Mitbegründer des Vereins für Jüdische Wissenschaft und Kultur hat er sich um die Rettung der kostbaren Bücherschätze verdient gemacht. (Der folgende Text basiert auf einem Artikel, der am 27. Mai 2015 in der Zeitung reformiert erschienen ist.)

Charles Lewinsky ist nicht nur ein Schriftsteller, sondern auch ein leidenschaftlicher Bücherliebhaber. Er gründete 2013 den Verein für Jüdische Wissenschaft und Kultur. So rettete er die jüdische Bibliothek in der Zürcher Lavaterstrasse, dort, wo die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) ihren Sitz hat. Die Ausgangssituation ist vertraut: «Es muss gespart werden.» 

Tafelsilber bewahren

Dieses Lied wurde auch in der ICZ angestimmt. Indes wären höhere Beiträge den Mitgliedern kaum zumutbar. «Denn das sage ich ihnen: Gegenüber den bescheidenen Kirchensteuern ist das Judesein in Zürich ein teures Hobby», sagt Lewinsky. Und beim Sparen wollten viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde nicht aufs geliebte koschere Restaurant verzichten und Familien wiederum nicht auf den Kindergarten. Aber die wissenschaftliche Bibliothek mit ihren 40 000, oftmals renovierungsbedürftigen Büchern könnte problemlos an die kantonale Zentralbibliothek übergeben werden, argumentierten manche Mitglieder. Lewinsky wehrte sich gegen das Ansinnen und argumentierte letztendlich erfolgreich in der Gemeindeversammlung: «Verschenkt nicht das Tafelsilber, um Silberputzmittel einzusparen.»

Aber warum soll das Tafelsilber nicht an einem anderen Ort glänzen? Jetzt kommt Lewinsky in Fahrt: «Wenn Sie über das Schweizer Judentum recherchieren, dann müssen Sie zwischen verschiedenen Bibliotheken hin und her wandern.» Hier aber sei alles versammelt: Kultbücher, Biografien von jüdischen Menschen, Geschichte und Soziologie des Judentums, Werke von jüdischen Schriftstellern. Argumente, die Lewinsky auch unaufhörlich an potenzielle Sponsoren herantrug.

An diesem Punkt schaltet sich Bibliothekarin Yvonne Domhardt ins Gespräch ein: «Unsere Bibliothek wurde nicht wie die anderen Bibliotheken 1939 geschlossen, sondern damals erst gegründet. Ohne Unterbrechung wurde unsere Bibliothek benutzt. Auch von jüdischen Flüchtlingen.» So entkamen viele Werke, zusammen mit den Beständen der jüdischen Bibliotheken von Genf und Basel, in der neutralen Schweiz der Zerstörung jüdischer Bücher und Bibliotheken durch die Nazis. 

Dadurch wurden die drei Schweizer Bibliotheken nach dem Zweiten Weltkrieg zum Rettungshafen für besitzlose Bücher.

Die Sozialphilosophin Hannah Arendt, damals Geschäftsführerin des Jewish Cultural Reconstruction, vermittelte die 1938 aufgelöste Bibliothek des Breslauer Rabbinerseminars in die Schweiz. Aber auch sonst hat sich in der Bibliothek in der Zürcher Enge manche Perle der Buchdruckerkunst eingefunden. Insgesamt ist ein Bestand angewachsen, der die Berner Kulturbeamten auf das Bücherreich aufmerksam machte. Seit 2009 gilt die ICZ-Bibliothek als «Kulturgut von nationaler Bedeutung». 

Das Blauwal-Prinzip

Zum 75-Jahr-Jubiläum und zur Rettung der Bibliothek regte die Bibliothekarin an, den Bücherkosmos in der Lavaterstrasse mit einem neuen Buch zu ehren. Begeisterte Bibliotheksbenutzer schrieben im Sammelband Quelle lebender Bücher über ihre in der Bibliothek entdeckte Lieblingslektüre. Auch Charles Lewinsky gehört zu den 75 Autorinnen und Autoren. Er beschreibt, wie er als Leser die Bibliothek durchpflügt, wie ein «Blauwal, dem der Plankton an seinen Barten hängen bleibt». Plötzlich stiess er auf die Anzeige im Israelitischen Wochenblatt, Jahrgang 1938: «Varieté-Künstler sucht einen Koffer wie einen Frack.» Die kleine Annonce verwandelte sich im Kopf von Lewinsky zu einer Geschichte. Felix Grün, der geflohene Kabarettist aus Deutschland im Roman «Melnitz», ist geboren. 

Morgenbesser-Mandeltort

Ein bisschen von dem Blauwal-Prinzip hat sich Tamar Lewinsky, Tochter des Schriftstellers, ebenfalls zu eigen gemacht. Ihr Blick schweifte über Todes- und Familienanzeigen. Sie war auf der Suche nach dem poetischsten jüdischen Namen. Und eines Tages stiess sie auf den Doppelnamen: «Morgen-besser-Mandeltort». Für Tamar Lewinsky drückt der Name die denkbar «süsseste Zuversicht» aus, wie im Jubiläumsbuch zu lesen ist. 

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Delf Bucher

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