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2016/2 Ausgelagert, eingekauft, fremdbeschafft

Archivarinnen – aber selbstständig

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Wie wird man zu einem unabhängigen Archivdienstleister? Was sind die Herausforderungen bei der Gründung, wie positioniert man sich, und wie wichtig sind Netzwerke? Um dies in Erfahrung zu bringen, führte Marguérite Bos von arbido ein Mailinterview mit den beiden Inhaberinnen von archivaria aus Luzern, Martina Akermann und Julia Müller. 

Das schriftliche Interview führte Marguérite Bos, arbido 

arbido: Können Sie bitte kurz umreissen, wer hinter «archivaria» steht und welchen beruflichen Hintergrund Sie haben? 

Martina Akermann und Julia Müller: Die archivaria GmbH besteht aus uns beiden als geschäftsführenden Inhaberinnen. Wir sind beide Historikerinnen und haben sozusagen unsere «Lehrzeit» im Staatsarchiv des Kantons Luzern absolviert sowie weitere Archiverfahrungen in anderen Institutionen gesammelt. Martina hat zusätzlich den MAS Information Science in Chur abgeschlossen. Wir waren auch beide schon vor der GmbH-Gründung als selbstständige Historikerinnen tätig und bringen Know-how aus anderen Bereichen und Projekten mit: Julia hat schon Ausstellungen kuratiert und redaktionell gearbeitet, während Martina bei verschiedenen Publikationen und Forschungsstudien mitwirkte sowie (kirchen-)politische Mandate ausübte. 

arbido: Wie ist archivaria entstanden, und wie sind Sie heute organisiert? 

Akermann/Müller: archivaria wurde 2008 von Martina initiiert und funktionierte rund sieben Jahre lang als Netzwerk: Jeweils zwei bis vier selbstständige Fachleute engagierten sich in verschiedenen Archivprojekten, in wechselnder Zusammensetzung und mit unterschiedlichen zeitlichen Ressourcen. 2014 stiess Julia zu archivaria, und im Mai 2015 gründeten wir die archivaria GmbH. Heute haben wir zwei Standbeine: Wir bieten einerseits Archivdienstleistungen an, andererseits sind wir im breiten Feld der Erforschung und Vermittlung von Geschichte tätig und übernehmen Aufträge für Publikationen oder Ausstellungen. Bei den meisten Projekten arbeiten wir zu zweit. Das hat sich bewährt, weil wir so unsere jeweiligen Erfahrungen und Fähigkeiten zusammenbringen können. Bei Bedarf ziehen wir weitere Fachleute bei und stützen uns dabei auf ein breites Netzwerk von Archivarinnen und Historikerinnen. Je nach Projekt arbeiten wir auch mit Grafikerinnen, Szenografinnen etc. zusammen. 

arbido: Was waren Ihre Beweggründe, um sich selbstständig zu machen? Welche Aspekte gefallen Ihnen besonders an Ihrer Arbeit? 

Akermann/Müller: Als Inhaberinnen der archivaria GmbH können wir eigene Schwerpunkte setzen und unser Angebot selbst bestimmen. Das war für beide ein wichtiger Grund, den Weg in die Selbstständigkeit einzuschlagen. Wir beschränken uns nicht auf ein Tätigkeitsfeld, sondern schlagen Brücken, sind sowohl im Bereich Archiv wie auch in der Erforschung und Vermittlung von Geschichte tätig. Diese «Zweigleisigkeit» und Vielseitigkeit finden wir spannend; immer wieder erleben wir, dass sich Archivarbeiten und historische Forschung gegenseitig befruchten.

Zudem schätzen wir es, in einem Team zu arbeiten, das sich selbst gefunden und die Zusammenarbeit gemeinsam beschlossen hat. Auch unsere besondere Stellung als «Störarchivarinnen» erleben wir als sehr positiv. Wir sind willkommene Helferinnen von aussen und erhalten vor Ort jeweils einen tiefen Einblick in die Organisation. Ausserdem erfahren wir von unseren Kunden und Kundinnen direkt eine grosse Wertschätzung. 

arbido: Wer sind hauptsächlich Ihre Kunden, Ihre Kundengruppen? 

Akermann/Müller: Es hat sich so entwickelt, dass es sich bei vielen unserer KundInnen um kirchliche oder kirchennahe Institutionen handelt, darunter etwa Kirchgemeinden und Pfarreien, ein Chorherrenstift oder eine Schwesterngemeinschaft mit zugehöriger Stiftung. Daneben sind wir immer wieder für staatliche Institutionen und Archive tätig, vereinzelt auch für Firmen. 

arbido: Welche Aufgaben werden an Sie respektive an Ihre Firma ausgelagert? Akermann/Müller: Die Aufgaben umfassen beinahe alle Gebiete eines institutionellen Archivs. Je nach Bedürfnis der Organisation lassen die AuftraggeberInnen Archivkonzepte erstellen, Erschliessungsarbeiten oder Beratungen im Bereich Records Management ausführen. Für einige Institutionen übernehmen wir auch die langfristige Betreuung der laufenden Ablage vor Ort. Und schliesslich funktionieren wir immer wieder als Vermittlerinnen zwischen unseren AuftraggeberInnen und den institutionellen Archiven. Etwa, wenn es darum geht, das historische Archiv dem Staatsarchiv als Depositum zu übergeben und die laufende Ablage so zu organisieren, dass künftige Ablieferungen reibungslos funktionieren. 

arbido: Was ist die Motivation hinter dieser Auslagerung? Was sind die Gründe dafür, freischaffende Archivarinnen hinzuzuziehen? 

Akermann/Müller: Unsere Kundinnen und Kunden sind sich der Bedeutung eines gut geführten Archivs bewusst. Nicht wenige machen in ihrem Arbeitsalltag die frustrierende Erfahrung, dass wichtige Unterlagen nicht gefunden werden können, oder sie klagen über Doppelspurigkeiten und Mehraufwand, weil die Frage der Federführung nicht geklärt ist. Die meisten unserer Auftraggeber und Auftraggeberinnen verfügen aber nicht über die notwendigen Ressourcen oder das Know-how, ihr Archiv selbst zu ordnen und die laufende Ablage zu reorganisieren. Es sind meist kleinere bis mittlere Organisationen, für welche die Festanstellung einer Fachperson auch gar nicht infrage käme. 

arbido: Welche speziellen Risiken sehen Sie für eine Firma wie die Ihre? 

Akermann/Müller: Wir haben unsere Nische gefunden und sind dank den beiden Standbeinen Archiv und Geschichte/Vermittlung relativ flexibel. Dass wir in verschiedenen Bereichen tätig sind, birgt aber auch die Gefahr der Verzettelung und fordert uns, was Weiterbildung und Projektkoordination anbelangt. Als Kleinstunternehmen können wir schliesslich im Hinblick auf unsere Kapazitäten nicht mithalten mit den grösseren Firmen. 

arbido: Welche Netzwerke sind für archivaria besonders wichtig? 

Akermann/Müller: Wir pflegen gute Kontakte zu den institutionellen Archiven in der Zentralschweiz. Uns ist eine Zusammenarbeit mit den Archiven vor Ort sehr wichtig, denn wir orientieren uns an den jeweiligen Standards und Gepflogenheiten. Zudem sind die traditionellen, staatlichen Archive auch für viele unserer Kundinnen und Kunden die erste Anlaufstelle. Wichtig sind schliesslich ganz grundsätzlich die jeweiligen beruflichen Netzwerke, bestehend aus ehemaligen Arbeit- und Auftraggebern, (freischaffenden) Historikerinnen und Historikern und Kollegen und Kolleginnen aus verwandten Fachbereichen. 

arbido: Wie schätzen Sie die aktuelle Auftragslage und den Markt für freischaffende Archivarinnen ein? 

Akermann/Müller: Arbeit wäre genügend vorhanden, häufig fehlen aber die finanziellen Mittel oder sie werden nicht für das Archiv eingesetzt. Wie sich der Markt entwickelt, wenn Gemeinden und Kantone sparen – was auch Auswirkungen auf weitere Organisationen und Unternehmen hat –, lässt sich schwer voraussagen. Es kann aber auch eine Chance für freischaffende ArchivarInnen bedeuten. Die zu bewältigende Menge an zu archivierenden Informationen steigt exponentiell, und die Komplexität der Aufgaben wächst, die Personalbestände der institutionellen Archive bleiben derweil meist gleich oder werden gar gekürzt. Und jemand muss schliesslich die Arbeit erledigen ... 

arbido: Wie sehen Sie in Zukunft die Aufgabenteilung zwischen den «traditionellen» Institutionen wie den Staatsarchiven und unabhängigen I+D-Unternehmen? Welche Entwicklungen erwarten Sie dort? 

Akermann/Müller: Angesichts der wachsenden Aufgaben bei häufig gleichbleibenden Mitteln werden insti- tutionelle Archive wohl vermehrt darauf angewiesen sein, künftig spezifische Dienstleistungen extern einzukaufen. Wir sehen hier Potenzial im Bereich von zeitlich begrenzten Projekten, bei denen gezielt Fachwissen hinzugezogen wird, sei es im Bereich der digitalen oder analogen Archivierung. Auch Vermittlung könnte in Zukunft ein wichtiges Thema für die Schweizer Archive werden: Wenn auch die traditionellen Institutionen unter Legitimationsdruck stehen und Besucherzahlen vorweisen müssen, wird Öffentlichkeitsarbeit immer wichtiger. Es gilt, die breite Bevölkerung für die Bedeutung von Archiven zu sensibilisieren, etwa durch Ausstellungen, Führungen, Vermittlungsprojekte für Schulen etc. Auch hier dürften Kooperationen zwischen institutionellen Archiven und externen Fachleuten gewinnbringend sein. 

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Comment devient-on un prestataire indépendant de services en archivage ? Quels défis pose la création de l’entreprise ? Comment se positionner ? Quelle est l’importance des réseaux professionnels? Pour en savoir plus, Marguérite Bos d’arbido a mené un entretien par courriel avec Martina Akermann et Julia Müller, les deux propriétaires de l’entreprise archivaria de Lucerne.