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2016/2 Ausgelagert, eingekauft, fremdbeschafft

Über die «Rückkehr zum Prinzipiellen» zur «Next Level Library»

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«An alle, die anders denken. Die Rebellen, die Idealisten, die Visionäre, die Querdenker, die, die sich in kein Schema pressen lassen, die, die Dinge anders sehen. Wir können sie zitieren, ihnen widersprechen, sie bewundern oder ablehnen. Das Einzige, was wir nicht können, ist, sie zu ignorieren, weil sie die Dinge verändern, weil sie die Dinge weiterbringen. Denn die, die verrückt genug sind, zu denken, sie könnten die Welt verändern, sind die, die es tun.»

(Werbekampagne von Apple, 1997, Wikipedia) 

Unsere Welt ändert sich ständig und mit ihr die Rahmenbedingungen unseres Handelns. Das gilt auch (und vielleicht insbesondere) für Bibliotheken, für die gesamte Medienbranche und das gilt nicht erst seit der Digitalisierung. Aber durch diesen qualitativen Wandel einer grundlegenden Veränderung der Primärmaterialien in den Bibliotheken in Form digitaler Medien, durch die Notwendigkeit einerseits und die Möglichkeit andererseits, analoge durch digitale Prozesse ersetzen zu müssen und ersetzen zu können, und durch einen grundlegenden Wandel in der Vermittlung und Erschliessung von Inhalten erleben wir einen nicht nur gefühlten, sondern tatsächlichen Bruch unserer Erfahrungen und Gewohnheiten. Wir sprechen auch von einer disruptiven Situation, oder wenn diese ausschliesslich auf den Übergang aus der analogen zu digitalen Welt rekurriert, von der digitalen Disruption.

Zwar sind jene Veränderungen, die sich durch den Wandel der Medien, der Technik, und der damit verbundenen Verfahren und Prozesse ergeben, von grosser Bedeutung, allerdings muss gerade bei wissenschaftlichen Bibliotheken die Veränderung der Wissenschaftskommunikation als zentraler Treiber für die Neupositionierung des bibliothekarischen Grundauftrages in Betracht gezogen werden. Denn wissenschaftliche Bibliotheken können sich nicht jenseits der Realitäten, die sich in der Variabilität der Formen, Funktionen und Materialität der wissenschaftlichen Kommunikation manifestieren, positionieren oder gar einen vermeintlichen Grundauftrag aus der Vergangenheit unreflektiert fortsetzen.

Denn nahezu unbemerkt haben sich grosse Teile der Wissenschaften sowohl bei der Produktion als auch bei der Konsumption wissenschaftlicher Inhalte von der klassischen Belieferung und Versorgung der Bibliotheken mit analogen Materialien verabschiedet. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten war dieser «Gap» zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen nicht als qualitative Differenz spürbar. Das Bindeglied der Wissenschaftskommunikation über die Disziplinen hinweg war jenseits der Unterschiede in Form von Umfang, Frequenz, Sprache, Autorenschaft usw. die Materialität des wissenschaftlichen Outputs als gedrucktes Buch oder als Beitrag in einer gedruckten Zeitschrift.

Externalisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse 

Die «Rückkehr zum Prinzipiellen» fragt deshalb in dieser grundsätzlichen Unterscheidung auch nach der Materialität in der Externalisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse durch die Autoren selbst. Wenn die Bibliothek die «Rückkehr zum Prinzipiellen» ernst nimmt, muss sie der bestehenden Realität Rechnung tragen und zugleich dem Wunsch der Wissenschaft nach den verschiedensten Formen und Techniken, in denen sie jeweils ihren Ergebnissen Ausdruck verleihen will, grundsätzlich entsprechen.

War es dafür bis vor wenigen Jahrzehnten noch durchaus sinnvoll, kleinteilige und kleinschrittige Veränderungen, die als evolutionäre Weiterentwicklungen von Produkten und Dienstleistungen echten Fortschritt möglich gemacht haben, als Entwicklung zu planen und umzusetzen, so ist doch mit der Digitalisierung (und der dann zu konstatierenden DigitalitätSven Fund (Fullstopp. Society for Digitality) auf der Fiesole Retreat 20161) weiter Teile unserer Lebensrealität auch jene einst so erfolgreiche Kleinschrittigkeit in die Krise geraten. Es reicht nicht mehr aus, die Dinge ein wenig zu optimieren, ein wenig anzupassen oder weiterzuentwickeln. Die Digitalisierung der Gesellschaft, und im besonderen Masse damit auch der Wissenschaft und ihrer Prozesse, der Wissenschaftskommunikation allgemein und natürlich auch der Bibliotheken und ihrer Arbeitsgrundlagen, haben einen radikalen Bruch zur Folge, der nicht nur weithin sichtbar ist, sondern auch bereits zu produktiven Change-Ergebnissen geführt hat, ohne allerdings – in seiner notwendigen Radikalkonsequenz – bereits flächendeckend erkannt und akzeptiert worden zu sein. Die digitale Disruption führt nicht zur hektischen Projektgeschäftigkeit, sondern zu einer Position des grundsätzlichen Nachdenkens und damit notwendigerweise zu der Bedachtheit in der «Rückkehr des Prinzipiellen». Im Spagat zwischen gut gemeinten Projektorgien und dem Innehalten zu einer grundsätzlichen Neubestimmung des bibliothekarischen Auftrags in Zeiten der «digitalen Permanenz», weisen die Antworten in der Tendenz auf das, was im industriellen Kontext auch und gerade unter den Zeichen der digitalen Disruption als Business Process Reengineering verstanden wird. 

Zwischen Urvertrauen und Fortschrittsgläubigkeit 

Dass dieser Prozess und – zumindest Teile – seiner Lösung zwischen den radikalen Positionen eines zweifelhaften Urvertrauens in ein 500-jähriges Medium einerseits («Lasst uns weiter Bücher sammeln!») und einer optimistischen Fortschrittsgläubigkeit andererseits («Weg mit den Büchern!») zu verorten ist, liegt auf der Hand. Allerdings wird die Bestimmung des Verhältnisses dieser beiden Positionen zur eigentlichen Herausforderung, spannt sich doch der Bogen bibliothekarischen Wirkens zwischen der reinen Elektronischen Bibliothek, die als «Library without Walls»Rick Luce: Library without walls project: https://library.lanl.gov/lww/vision.html. gar nicht mehr so neu gedacht ist und einer musealen Gedächtnisinstitution sehr weit. Das Unterfangen gelingt demjenigen aber besser, der sich vergegenwärtigt, dass analogisches Denken und ein damit einhergehendes Übertragen von vergangenen Erfolgen auf die Zukunft vor allem jene Organisationen und Unternehmen in Versuchung führen, die auf eine lange erfolgreiche Tradition zurückblicken können. Dass dieser Versuch, die Zukunft aus der (erfolgreichen) Vergangenheit zu antizipieren in Zeiten digitaler Disruption nur noch vereinzelt gelingen will, ist das Kennzeichen einer zunehmend digital verorteten Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft. 

«Manager in arrivierten Firmen denken in Analogien. Sie müssen so denken. Alles, was sie tun oder nicht tun leiten sie analogisch aus dem bereits Erlebten ab (...) Institutionen bauen institutionelles Wissen auf. Dieses Wissen ist unerlässlich für die Weiterentwicklung bestehender Produkte (...) Aber analogisches Denken wird zum Ballast, wenn es um Innovationen geht (...) Mit ihrem analogischen Denken koppeln sich etablierte Firmen von wirklichen Neuerungen ab.»Keese, Christoph: Silicon Valley: Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt. Knaus. München 2014 , S. 99/100. 

Die Bedrohung des analogischen Denkens 

Wissenschaftliche Bibliotheken, die – wenn auch in unterschiedlichem Ausmasse – überwiegend als Gedächtnisinstitutionen daherkommen und die den längsten Zeitraum ihres Bestehens genau so wahrgenommen und von ihren Führungskräften auch so ausgerichtet worden sind, geraten hier in eine besondere Bedrohung, durch analogisches Denken, jahrzehnte- und jahrhundertelange Erfolge, die für die Bibliothek und ihre Aufgaben konstituierend waren, durch die Fortschreibung in die Zukunft perpetuieren zu wollen.

Die entscheidenden Veränderungen in Bibliotheken sind demnach nicht mehr länger getragen von der Frage nach Effizienzgewinnen, sondern von der Grundsorge über deren Effektivität. Vor diesem Hintergrund ist es unerheblich zu überlegen, was man outsourcen kann, was ausgelagert oder fremdbeschafft werden kann.

Wenn man die «Rückkehr zum Prinzipiellen» ernst nimmt, beginnt sich nun im Gefolge eines sich schon lange im Gange befindlichen (und offensichtlich unumkehrbaren) Prozesses eines «Next Generation Publishing», dem sich grosse Teile der Wissenschaft freiwillig (und meist unreflektiert) angeschlossen haben, die Frage nach der «Next Level Library» zu stellen. Genau das meint die «Rückkehr zum Prinzipiellen».

In der Internetindustrie, den Unternehmen der digitalen Industrie, nennen die Fachleute den radikalen Umbau des Geschäftsmodells «Pivoting». Es ist dort selbstverständlich, dass sich Unternehmen und Organisationen, ohne Rücksicht auf die bereits geleistete Arbeit komplett neu erfinden, weil sich die Rahmenbedingungen um sie herum, die Technologien oder die Wettbewerber verändert haben. Es geht dabei nicht mehr um das Abändern, Anpassen oder Optimieren dessen, was bereits geleistet wurde, auf das man bislang stolz war und was womöglich auch das bisherige Geschäftsmodell ausgemacht hat, sondern das Überleben in einem brutalen und extrem schnellen Markt.

Bibliotheken sind aber keine Internetunternehmen und die Schlagzahl der sie umgebenden und betreffenden Veränderungen nicht annähernd so hoch wie im Silicon Valley. Das hilft, die «Rückkehr zu Prinzipiellen» in der notwendigen Tiefe und in einer mit allen Stakeholdern abgestimmten Position zu analysieren, zu diskutieren und vorzubereiten. Jahrhunderte dürfen wir uns dafür aber dennoch nicht Zeit nehmen. 

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Rafael Ball

Dr. Rafael Ball ist seit 1. März 2015 Direktor der ETH-Bibliothek. Er ist promovierter Biologe und Wissenschaftshistoriker, zudem absolvierte er eine postgraduale Ausbildung zum wissenschaftlichen Bibliothekar. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind die Bibliothek der Zukunft, Wissenschafts- kommunikation und die Rolle des gedruckten Buches im digitalen Zeitalter.

(Bild: ETH Zürich) 

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Rafael Ball considère dans son article les effets de la «digitalité» (allemand: «Digitalität»), de la communication scientifique en transformation et des changements marchant à pas comptés avec cela sur les bibliothèques scientifiques. Sur cette trame, il met en garde contre la tentation de penser par analogie et vouloir simplement transmettre d’anciens succès dans l’avenir. Il plaide pour un «retour au fondamental». Ce retour doit être analysé et discuté en profondeur et dans une position réglée avec tous les stakeholders, afin d’être préparé proprement. Cependant, les bibliothèques ne peuvent pas se hâter avec lenteur pour cette discussion.