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2015/4 Kompetenzen

Partnerschaften für die Überlieferungsbildung: Herausforderungen und Chancen

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Archivarinnen und Archivare stehen heute vor grossen beruflichen Herausforderungen: Ihr Berufsbild unterzieht sich aktuell einem enormen Wandel. Dieser sollte sich einerseits bereits in der beruflichen Ausbildung niederschlagen, andererseits verändert er auch die Aufgaben und Methoden im Berufsalltag. Dies wirkt sich nicht zuletzt auch auf die Zusammenarbeit zwischen Archiv und Verwaltung aus. Das Staatsarchiv von Queensland in Australien reagiert darauf mit neuen Ideen und Wegen für die Überlieferungsbildung im digitalen Zeitalter.

Im November 2014 nahm ich an einem Kurs der National Archives of Australia und dem Council of Australasian Archives and Records Authorities teil zum Thema «Bewertung im digitalen Zeitalter». Es war eine Woche voller anregender Vorträge von Referenten aus Archiven, Universitäten und der Wirtschaft mit lebhaften Diskussionen darüber, wie Archivarinnen und Archivare die Herausforderungen des digitalen Zeitalters angehen sollten. In einem Modul entwickelten wir eine Stellenbeschreibung für einen digitalen Archivar. Man kann sich leicht vorstellen, dass kaum eine einzige Person alle geforderten Fähigkeiten und Kompetenzen besitzen kann. Am Ende der Woche überwogen die offenen Fragen die Lösungen und ich verliess Canberra begeistert und entmutigt zugleich...

Es gibt viele Anzeichen dafür, dass die professionellen Methoden der Archivare dem Umfang und der Komplexität der zeitgenössischen Informationsüberlieferung nicht gewachsen sind. Was heisst das konkret für unseren Berufsstand? Welche neuen Fähigkeiten und Kompetenzen brauchen wir? Und wie bereiten die Universitäten ihre Absolventen auf diese Herausforderungen vor?

In diesem kurzen Artikel werde ich meine Gedanken und Erfahrungen aus meiner Perspektive als Archivarin in Australien darlegen. 

Archiv- und Recordsmanagement- Ausbildung in Australien 

Als ich im Jahr 2007 mein Aufbaustudium in Archiv- und Recordsmanagement an der Edith Cowan University abschloss, gab es keine Vorlesungen zur digitalen Archivierung. In einem Artikel in The American Archivist aus dem gleichen Jahr erklärte Adrian Cunningham: «Like the rest of the world, Australia is experiencing a chronic lack of digital archiving capabilities. While we have developed competency standards and capability frameworks, it is quite another thing to build and sustain the education and training infrastructure that is needed to develop these capabilities, especially for what is a boutique and not especially well remunerated occupation in a small country».1

Damals gab es zwei Universitätskurse, nur wenig hat sich seitdem verändert: Derzeit sind vier Universitätskurse von der Australian Society of Archivists akkreditiert, wobei der Studiengang an der Edith Cowan University bald nicht mehr weitergeführt wird.

In australischen Universitäten wird Archiv- und Recordsmanagement als eine Spezialisierung innerhalb der Bibliotheks- und Informationswissenschaften gelehrt und zieht als Nischendisziplin nur eine kleine Zahl von Studierenden an. Dazu kommt, dass eine postgraduierte Qualifikation oft nicht mit einer höheren Lohnstufe korreliert und es daher für Studierende wenig Anreize gibt, die hohen Preise der postgraduierten Kurse zu bezahlen. Verbesserte Partnerschaften zwischen den Universitäten sowie die Zusammenarbeit mit Fakultäten wie derjenigen der IT sind daher wichtig, um eine ausreichende Zahl von Studierenden zu gewinnen und die bestehenden Kurse weiterzuführen.

Vom drohenden Zeigefinger zur ausgestreckten Hand

Die Informationstechnologie hat zu einem unvermeidbaren Wandel des heutigen Arbeitsplatzes geführt. Archivarinnen und Archivare benötigen eine breite Palette von Fähigkeiten und ein Verständnis neuer Technologien, um im digitalen Umfeld mithalten zu können und Überlieferungsbildung nachhaltig zu sichern. Archive können diese Herausforderungen nicht alleine überwinden. Archivarinnen und Archivare müssen deshalb Barrieren abbauen und mit anderen Organisationen zusammenarbeiten.

Das Queensland State Archives (QSA) ist wie viele andere Staatsarchive mit der Herausforderung konfrontiert, die Aktenverwaltung in den Amtsstellen zu verbessern. Bis vor kurzem hat das QSA seine Rolle gegenüber den abliefernden Stellen als die eines Aufsehers und Mahners definiert. Dieser Ansatz war nicht sehr erfolgreich, da die Amtsstellen sowohl ihre Pflichten gemäss geltendem Archivgesetz als auch sämtliche Informationsstandards und Richtlinien des Archivs weitgehend ignorierten. Aktenverwaltung wird von Amtsstellen oft nicht als wichtig betrachtet und die Konsequenzen sind erst später ersichtlich. Das Archiv hat nun seit etwa 12 Monaten einen neuen Ansatz gewählt: Dieser führt weg von Regulierung und Kontrolle, hin zu Partnerschaft und Zusammenarbeit – sozusagen vom drohenden Zeigefinger zur ausgestreckten Hand. Das QSA präsentiert sich als Partner, der hilft, ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Das Archiv hat auch erkannt, dass Amtsstellen oft von den praktischen Erfahrungen anderer Amtstellen profitieren können und hat daher Kommunikationskanäle mittels Social Media geschaffen, um die Amtsstellen miteinander ins Gespräch zu bringen. Das QSA übernimmt die Rolle eines Moderators anstelle der eines Dozenten.

Dieser neue Ansatz hat in den Amtsstellen Anklang gefunden und erhöht deren Engagement. Dies ist nur ein Beispiel für die sich wandelnde Rolle der Archivarinnen und Archivare, weg von der traditionellen Rolle des «Akten-Polizisten», zu jemandem, der das Gespräch sucht, Partnerschaften bildet und Verbindungen schafft, damit die Überlieferungsbildung auch für kommende Generationen gewährleistet ist.

Zum Schluss

Die Aufgabe, mit der Archivarinnen und Archivare heute konfrontiert sind, ist zweifellos gross. Wir brauchen neue Fähigkeiten und Methoden, um den Herausforderungen in dieser Zeit des Wandels gewachsen zu sein. Dennoch glaube ich, dass die traditionellen Fähigkeiten in der Archivierung noch einen Platz haben. Es geht nicht darum, diese Fähigkeiten zu ersetzen, sondern darum, sie zu erweitern, indem wir ausgiebiger kommunizieren und zusammenarbeiten und uns nicht hinter Aktenbergen und Richtlinien verstecken. Partnerschaften werden nicht alle Probleme lösen, aber mit vereinten Kräften werden wir uns den Herausforderungen besser stellen können.

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Kathrin Hürlimann-Graham

Kathrin Hürlimann-Graham lebt seit 2003 in Brisbane, Australien, und arbeitet im Staatsarchiv von Queensland. Sie studierte Geschichte an der Universität Zürich und Archivwissenschaften an der Edith Cowan University. Vor ihrer Auswanderung arbeitete sie im Staatsarchiv Zürich und im Schweizerischen Bundesarchiv. 

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Les archivistes se trouvent aujourd’hui face à des défis cruciaux dans la pratique professionnelle: leur profil du métier est actuellement soumis à une grande transformation. D’une part cela devrait se refléter dans la formation professionnelle, d’autre part ce changement modifie également les tâches et les méthodes dans le travail quotidien des archivistes déjà formés. Ces changements affectent aussi la coopération entre les archives et les administrations. Les Archives de l’État de Queensland (Australie) ont réagi avec des nouvelles idées et des pistes pour la constitution des archives à long terme dans l’ère numérique.