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2014/3 Kulturerbe der Wirtschaft – kollektives Gedächtnis - Patrimoine culturel économique – mémoire collective

Planung eines Besucherzentrums der Nestlé mit integriertem Unternehmensarchiv

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Nestlé feiert 2016 sein 150-Jahr-Jubiläum. Dieser Anlass wie auch die Tatsache, dass das Historische Firmenarchiv der Nestlé an seine räumlichen Grenzen stösst, veranlasste den Archivleiter, 2010 mit einer Projektidee vorstellig zu werden. An historischer Stätte soll 2016 ein Besucherzentrum mit diversen Attraktionen eröffnet werden. Dieses Zentrum wird auch das neue Historische Unternehmensarchiv aufnehmen. Ein neues Archiv für die Bestände und Sammlungen der Nestlé wird dringend benötigt, da es dem Archiv nach 20 Jahren am bestehenden Ort an Platz mangelt. Zudem sind sowohl die klimatischen wie auch die konservatorischen Zustände verbesserungswürdig.

Die historische Stätte

Ein Ort für dieses Zentrum mit dem neuen Unternehmensarchiv war schnell gefunden, da sich ein historisches Gelände dafür geradezu angeboten hat. Es handelt sich um das erste Fabrikareal der Firma Nestlé mit Gebäuden aus den 1870er-Jahren bestehend aus Fabrik, Villa und Bäckerei, angesiedelt im ehemaligen Industriequartier «Les Bosquets» in Vevey, direkt hinter dem Bahnhof. In diesen Gebäuden wurden sowohl «Henri Nestlé’s Kindermehl» wie auch die Nestlé Kondensmilch hergestellt. Die architektonische Planung sieht vor, die bauliche Historie mit modernen Elementen räumlich zu verbinden, indem zwischen den bestehenden historischen Gebäuden ein verbindender, neuer Gebäudekomplex aus Glas entstehen soll. Die Architektur widerspiegelt, was das Konzept des Zentrums vorgibt: An historischem Ort soll ein Besucherzentrum entstehen, welches neben der Geschichte auch die Gegenwart und Zukunft der Firma Nestlé einem interessierten Publikum näherbringt.

Form und Inhalt

In der Grösse und Komplexität eines solchen Projektes liegt es, dass in der Projektausarbeitungsphase verschiedenste Diskussionen und Fragestellungen eingeflossen sind und immer noch einfliessen, auf welche das Projektteam Antworten geben muss. Bevor das Feinkonzept ausgearbeitet werden kann, müssen wichtige Fragen, zum Beispiel einige der folgenden, diskutiert und beantwortet werden:

– Wer soll das Zielpublikum eines solchen Zentrums sein?
– Welches sind die Erwartungen, die die Besucher und Besucherinnen an ein solches Zentrum stellen? Welche Erwartungen hat Nestlé?
– Was soll in einem solchen Zentrum integriert sein? Was soll gezeigt werden?
– Soll das Zentrum eine Erlebniswelt sein, oder soll es eher in eine didaktische Richtung wie die eines Museums gehen?
– Sollen durch die Integration des Unternehmensarchivs auch wissenschaftliche Funktionen wie Tagungen und wissenschaftliche Spezialanlässe im Zentrum bedient werden?
– Wie viel gestern, heute und morgen soll in den Ausstellungen gezeigt werden?
– Sollen diese Attraktionen in einem freien Besucherfluss oder in einem vorgegebenen Parcours gestaltet sein?

– Wie viel Storytelling, also Geschichtenerzählen, und wie viel Geschichte fliessen in die Ausstellungen zur Vergangenheit ein?

Dies sind nur ein paar Fragen, die vom Projektteam, welches aus Architekten, Konzeptgestaltern, Designern, Historikern, Archivarinnen, Verkaufs-, Marketing- und Kommunikationsspezialisten besteht, geklärt werden müssen. Je nachdem, wie diese Fragen beantwortet werden, erhält das Zentrum ein anderes Profil und eine andere Ausrichtung.

Ausrichtung und Zielpublikum

Das Zentrum soll ein Ort sein, an welchem Menschen sich begegnen, sich unterhalten können; wo sie emotional berührt werden, gleichzeitig aber auch etwas lernen und sich kritisch mit dem Unternehmen auseinandersetzen können. Das Agieren von Nestlé in der Gesellschaft seit seiner Gründung soll den Interessierten innerhalb verschiedener Angebote nähergebracht werden. Die Absicht ist Transparenz und Verständnis für ein komplexes Gebilde wie die Nestlé-Gruppe bei den Besuchern und Besucherinnen zu schaffen. Dies soll durch unterschiedliche, im Grossen aber aufeinander abgestimmte, unabhängige Elemente erreicht werden: Ausstellungen zur Geschichte sowie zur Gegenwart und Zukunft, eine Begegnungszone mit einem öffentlichen Forum, ein Restaurant, Shop und das Historische Firmenarchiv sollen in diesem Besucherzentrum Platz finden.

Die inhaltliche Vielfalt soll es ermöglichen, dass auch der Diversität des Zielpublikums entsprochen werden kann. Das Angebot richtet sich in erster Linie an Familien mit Kindern und in zweiter Linie an Mitarbeitende, Touristen, Aktionäre, Schulklassen und Historiker und Historikerinnen, wobei sich die Spezialisten mehr im Archiv und das grosse Publikum mehr in den öffentlichen Räumen aufhalten wird.

Erlebniswelten

Neben den frei zugänglichen Bereichen, wie Forum, Restaurant und Boutique, sind Besucherattraktionen geplant, die sich sowohl verschiedenen Themen wie auch unterschiedlichen zeitlichen Perioden widmen. Diese Elemente sollen sich nicht nur inhaltlich, sondern auch in ihrer gestalterischen Umsetzung voneinander unterscheiden. Der Ausstellungsteil, welcher sich mit der Gegenwart und der Zukunft der Nestlé beschäftigt, sieht vor, in verschiedenen Abschnitten den Besuchern eine Vorstellung davon zu geben, wie sich Nestlé mit den grossen Themen der Nahrungsmittelproduktion heute und morgen auseinandersetzt.

In einem Storytelling-Bereich begegnen die Besucher und Besucherinnen den Gründern des Konzerns. Deren Geschichte wird in das wirtschaftliche, soziale, wissenschaftliche und historische Umfeld eingebunden und zeigt den Pioniergeist von Henri Nestlé in Vevey und den Gebrüdern George und Charles Page mit der «Anglo-Swiss Condensed Milk Company» in Cham. Der Besucher soll die Anfangszeit lebendig und auf emotionale Art und Weise erfahren und in die Zeit von 1866 bis 1905, der Fusion der beiden Unternehmen, eintauchen.

In einem weiteren Teil zur Geschichte ist geplant, die Unternehmensgeschichte über die Form und Inhalte eines Archivs als Aufbewahrungs-, Wissens- und Vermittlungsort zu kommunizieren. Anhand von ausgewählten Themen soll die Geschichte von Nestlé lebendig erfahrbar werden und Beziehungen innerhalb der behandelten Themen hergestellt werden können. Frei nach persönlichen Vorlieben und individueller Neugierde sollen die Besucher und Besucherinnen in inszenierten Compactus-, Registratur- und Planschränken, in Schachteln und Ordern, via Fotos und Filmen Informationen zur Nestlé-Geschichte selbst entdecken und erfahren können.

Änderungen in einem solchen Projekt sind aber immer zu erwarten und notwendig. Um aktuelle Beispiele zeigen zu können, werden diese erst ganz am Schluss definitiv festgelegt. Die Verbindung von historischen und neuen Gebäudeteilen, das Kombinieren von historischem und aktuellem Inhalt bis hin zu Zukunftsprojekten werden ein breites Spannungsfeld abdecken. Sie werden Ein- und Überblicke in und über die 150-jährige, reiche Geschichte von Nestlé und ihre Aktivitäten im Bereich Ernährung, Gesundheit und Wohlbefinden ermöglichen.

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Tanja Aenis

1993 Lizentiat in Geschichte und Deutscher Philologie an der Universität Basel. Von 1994 bis 2001 als wissenschaftliche Archivarin und Historikerin bei der Sandoz AG, später Novartis AG, in Basel tätig. Zwischen 2001 und 2005 Mitarbeiterin in der F&E-Abteilung des «International Institute for Management Development» in Lausanne. Seit 2005 als Historikerin und wissenschaftliche Archivarin im Unternehmensarchiv der Nestlé tätig, zusätzlich mit Projekten der Digitalisierung und des Records Management betreut.

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*Pflichtfeld

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Nestlé fêtera son 150e anniversaire en 2016. Cet événement, ainsi que le fait que les archives historiques de l’entreprise commençaient à être à l’étroit après 20 ans, ont incité le directeur des archives de lancer une idée de projet en 2010. C’est ainsi qu’un centre visiteurs avec diverses attractions doit voir le jour en 2016 sur le site historique. Ce centre abritera également les nouvelles archives historiques de l’entreprise. De nouvelles archives pour les fonds et les collections de Nestlé sont une urgence, étant donné que le département actuel manque de place. En outre, les conditions climatiques et de conservation méritent d’être améliorées.