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2014/4 FH-Bibliotheken – eine dynamische Entwicklung!

Die Kunst des Archivierens an einer Kunsthochschule: das Archiv der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK

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Im Umfeld der Hochschularchive weist das Archiv der ZHdK einige Besonderheiten auf. Es hat zwar die Funktion eines Zwischenarchivs für die Verwaltungsakten aus allen Geschäftsbereichen der Institution. Viel umfangreicher sind aber die Aufgaben der Überlieferung und VermittlungvonWerkenausdenBereichen der künstlerischen Ausbildung und Forschung im Spannungsfeld analoger und digitaler Artefakte sowie der Dokumentation flüchtiger Phänomene.

Das heutige Archiv der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK bildet mit seinen Sammlungsbeständen die bald 140-jährige Geschichte der ZHdK und ihrer Vorgängerinstitutionen ab. Als ständige Einrichtung hat das Archiv seinen Ursprung in der 1974 gegründeten Schul- und Museumsdokumentation für die damalige Kunstgewerbeschule und das Kunstgewerbemuseum der Stadt Zürich. Der Anlass für die Gründung war damals ganz praktischer Natur: Die 100-Jahr-Jubiläen der beiden seit den Anfangszeiten bis heute eng verflochtenen Institutionen standen unmittelbar bevor. Die Gefahr, die Geschichte von Museum (gegr. 1875) und Kunstgewerbeschule (gegr. 1878) nur lückenhaft rekonstruieren und entsprechend in Erinnerung rufen zu können, beschleunigte im Hinblick auf die Jubiläen eine intensive rückwärtsgewandte Sammeltätigkeit und gab den Impuls zu einer systematischen Dokumentation des laufenden Geschehens ab diesem Zeitpunkt. Die Organisationsstrukturen,Standorte und Namensgebungen der einzelnen Abteilungen und Fachrichtungen der Bildungs- und Museumseinrichtung haben seither mehrfach gewechselt. Zudem ist die ehemalige Kunstgewerbeschule durch zahlreiche Fusionen mit anderen Zürcher Institutionen der gestalterischen und künstlerischen Ausbildung inzwischen zur grössten Hochschule für Kunst und Design der Schweiz gewachsen. Die unter dem Dach der ZHdK ganz oder in Teilbereichen zusammengeführten Institutionen mit ihren je eigenen Geschichten sind in beigefügter Tabelle nach Gründungsjahren aufgelistet.

1875 Gewerbe-Museum Zürich

1873 Musikschule des Musikkollegiums Winterthur

1878 Kunstgewerbliche Fachschule Zürich

1875 Musikschule Zürich

1883 Kunstgewerbeschule des Gewerbe- museums Zürich

1891 Gewerbeschule Zürich

1895 Kunstgewerbeschule Zürich

1907 Konservatorium Zürich

1905 Kunstgewerbemuseum Zürich

1912 Kunstgewerbliche Abteilung der Gewerbeschule

1937 Bühnenstudio Zürich

1932 Gewerbeschule I Zürich

1946 Schweizerische Theatertanzschule

1948 Kunstgewerbeschule Zürich – KGSZ

1972 Schauspielakademie Zürich

1985 Schule für Gestaltung Zürich – SfGZ

1977 Jazz Schule Zürich

1985 Museum für Gestaltung Zürich – MfGZ

1986 Schweizerische Ballett Berufs- schule

1989 Schule für Gestaltung/Höhere Schule für Gestaltung Zürich

1991 Fusion Konservatorium und Musikakademie

1998 Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich – HGKZ

1999 Hochschule Musik und Theater HMT

2007 Zürcher Hochschule der Künste – ZHdK

Die Fusion zur ZHdK

Mit der Erlangung des Hochschulstatus im Zuge der Bologna-Reformen gingen die Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich HGKZ (1998) und die Hochschule Musik und Theater HMT (1999) zunächst im Jahre 2000 von der Stadt in den Zuständigkeitsbereich des Kantons Zürich über. 2007 fusionierten die beiden bis dahin getrennten grossen Zürcher Konglomerate der Kunstausbildung schliesslich zur ZHdK.

Die lange Entwicklung von gewerblich-kunstgewerblichen zu künstlerischen Ausbildungsstätten über die Fusion mit Ausbildungsstätten der Musik, der darstellenden Künste und der Kunstvermittlung hin zu einer integrierten Kunsthochschule ist in der Schweiz vor dem Hintergrund der jüngsten Ausdifferenzierungen der Hochschul- und Fachhochschullandschaft eigentlich nichts Aussergewöhnliches. Bemerkenswert ist hingegen die vor 40 Jahren erfolgte institutionelle Verankerung einer Archiv- und Dokumentationsstelle, deren Aufgabenbereiche sich entsprechend verändert und mitentwickelt haben. Die ZHdK ist damit die einzige Kunsthochschule/Fachhochschule in der Schweiz mit so umfangreichen und für die Erinnerungskultur dieser Bildungsinstitutionen wichtigen Archivbeständen. Die verschiedenen Etappen der Geschichte der zahlreichen Teilinstitutionen bis zum Zusammenschluss unter dem Dach der ZHdK sind geprägt von Brüchen und Auseinandersetzungen, die zu teilweise geräuschvollen Abspaltungen, zu Abtretungen von Studiengängen und Fachrichtungen an andere Fachhochschulregionen oder gar zu deren Abschaffung führten, die aber auch visionäre Experimente und erfolgreiche Neugründungen belegen. Diese Entwicklungen werden in der Überlieferungsdichte und Qualität der im Archiv gesicherten Dokumente manifest. Sie widerspiegeln nicht nur die bildungspolitische und soziokulturelle Tektonik der letzten Jahrzehnte, sondern auch die kunstwissenschaftlichen und kreativen Strömungen und Gegenströmungen.

Konzeptionell sind es zwei Archive

Das Archiv der ZHdK besteht konzeptionell aus zwei Archiven: einem als Zwischenarchiv definierten Bereich für reine Verwaltungs- oder Geschäftsakten und einem Endarchiv für die Unterlagen aus den Bereichen Lehre und Forschung sowie für die dort geschaffenen wissenschaftlichen und künstlerischen Werke bzw. für die entsprechenden Dokumentationen der kreativen Prozesse und der künstlerischen Inszenierungen und Aufführungen. Anlässlich des im Sommer 2014 erfolgten Umzugs der ZHdK aus den Dutzenden über die Stadt verteilten Standorten in den Campus auf dem Toni Areal sind aus dem Zwischenarchiv umfangreiche Altbestände an Verwaltungsakten der Vorgängerinstitutionen für die Periode der 1870er- bis Ende der 1990er-Jahre dem Archiv der Stadt Zürich zur abschliessenden Bewertung und Aufbewahrung übergeben worden. Ein kleinerer Bestand für die jüngere Hochschulperiode wurde gleichzeitig an das Staatsarchiv des Kantons Zürich abgeliefert, unter dessen Aufsicht die ZHdK als öffentlich-rechtliche kantonale Institution seit 2000 bzw. 2007 steht. Für die künftige regelmässige Ablieferung der Verwaltungsakten an das Staatsarchiv ist seit 2010 eine entsprechende Vereinbarung gültig, die die Funktion des Archivs der ZHdK als Zwischenarchiv umschreibt. Seit 2011 ist zudem die analoge und digitale Informationsverwaltung für die Geschäftsbereiche von Hochschulleitung, Generalsekretariat, Departements-, Instituts- und Museumsleitungen sowie der Dienstleistungsabteilungen mit einem Aktenführungsplan strukturiert. Seit 2010 sind ebenfalls möglichst praxisnah umfangreiche Archivierungsrichtlinien erarbeitet worden, die das ganze Archivumfeld mit den unterschiedlichen Aufgabenbereichen im Zwischen- und Endarchiv und die Herausforderungen der zunehmend digitalen Informationsverwaltung abdecken sollen. Die Richtlinien sind in Form einer Website auf dem Intranet der ZHdK zugänglich. Das Portal beinhaltet Informationen über die allgemeine Archivierungspflicht und das Dokumentationsprofil des Archivs. Die Website hat jedoch vor allem die Funktion einer Wegleitung und orientiert sich deshalb stark am gelebten Hochschulalltag. Sie liefert mit Merkblättern und Beispielen von «Best Practice» praktische Tipps und pragmatische Anleitungen dazu, wie die Informationsverwaltung an der ZHdK optimiert werden kann und was, wann, in welcher Form und auf welchem Weg archiviert werden soll. Die Publikation der Archivierungsrichtlinien in der Form einer Website ermöglicht einen einfachen Zugang und erlaubt eine laufende und flexible Anpassung der Richtlinien an Veränderungen und angemachte Erfahrungen. Mit dem Umzug in den Campus auf dem Toni Areal ist das Archiv der ZHdK mit neuen Arbeitsplätzen und Öffnungszeiten nicht nur stärker präsent und zugänglicher, sondern auch die Depotsituation für die langfristige Aufbewahrung der analogen Sammlungsbestände konnte massiv verbessert werden. Für die rund 1500 Laufmeter Schriftgut, Bild- und Tondatenträger unterschiedlichster Formate und die materiellen Artefakte stehen seit Kurzem den konservatorischen Anforderungen entsprechend klimatisierte Räume zur Verfügung.

Das Sammlungsgebiet des Archivs

Neben den Verwaltungsakten im Zwischenarchiv bilden die künstlerischen und wissenschaftlichen Werke und die dazugehörenden Dokumentationen aus den Bereichen Lehre, Forschung und Veranstaltungen im Endarchiv den Hauptteil der Sammlungsbestände des Archivs. Einzelne Ausbildungsgänge sind über Zeiträume von mehr als 80 Jahren aufgrund der Unterrichtsdokumentationen und sämtlicher theoretischer wie auch praktisch-kreativer Abschlussarbeiten der Studierenden in ihrer Entwicklung bis heute rekonstruierbar. Dazu gehören analoge und digitale Kunstwerke in unterschiedlichsten Materialien und Medien, aber auch Dokumentationen von einmaligen und flüchtigen Aufführungen. Ebenso ausführlich dokumentiert sind über 100 Jahre Ausstellungs- und Veranstaltungstätigkeit. Daneben finden sich Werke von und Unterlagen zu Personen, die die Kultur- und Kunstgeschichte seit den 1920er- Jahren massgebend geprägt haben und immer noch prägen. Das Archiv der ZHdK bietet daher mit seinen Beständen ein kunsthistorisches und medienarchäologisches Grabungsfeld mit vielen noch verborgenen Schätzen, die gehoben werden sollen. Bei den Beständen im Endarchiv folgen wir einer objektorientierten Erschliessungs- und Vermittlungslogik. Zu diesem Zweck nutzen wir gemeinsam mit den Sammlungen des Museums für Gestaltung eine museale Objektdatenbank («The Museum System» TMS) mit dem darauf zugreifenden Internetportal für den öffentlichen Zugang («eMuseum»). Zudem nutzen wir als digitales Vorarchiv die an der ZHdK entwickelte Arbeits- und Präsentationsplattform «Medienarchiv der Künste». Dem Archiv kommt damit an der ZHdK eine leitende Rolle im digitalen Informationsmanagement zu in Bezug auf die Normierung und Standardisierung von Metadaten, Daten- und Dateiformaten für die Langzeiterhaltung und Langzeitvermittlung von digitalen Artefakten. Dafür ist die Einbettung in ein internes und ein externes Kompetenznetzwerk zwingend. Andererseits drängen sich in diesem Zusammenhang aus Sicht des Archivs zunehmend Fragen zur Materialität, zur formalen Offenheit und zur Prozesshaftigkeit in den Vordergrund und damit auch Fragen zur Präsenz von Werken und zu den Kontexten ihrer Rezeption. Hier entwickeln wir in einem interdisziplinären Umfeld entsprechende Strategien, die über das klassische Archiv hinausweisen. 

Keine organisatorische Trennung zwischen Archiv und Bibliothek 

Die an den meisten Hochschulen übli- che Trennung von Archiven und Bibliotheken ist an der ZHdK aufgehoben, indem das Archiv seit 2006 strukturell eine Abteilung des Medien- und Informationszentrums MIZ bildet. Diese Nähe des Gesamtkontexts «Archive» zu den Bibliotheken hat sich unter dem Blickwinkel organisatorischer Synergien und gemeinsamer Positionierung im zunehmend digitalisierten und vernetzten Umfeld der Hochschule als fruchtbar erwiesen. Zudem ist das Archiv mit den Objektsammlungen des Museums für Gestaltung Zürich und dem ZHdK-Standort des Vereins Materialarchiv sowie der digitalen Plattform «Medienarchiv der Künste» in eine komplexe Archivlandschaft eingebettet, deren einzelne Institutionen mit sich gegenseitig ergänzenden und befruchtenden Sammlungs- und Vermittlungsstrategien einen wichtigen Bestandteil der Infrastruktur für Lehre und Forschung an der ZHdK darstellen und die Identitätsbildung und Erinnerungskultur der ZHdK nachhaltig bedienen. 

http://miz.zhdk.ch/archiv (Archiv ZHdK) 

http://sammlungen-archive.zhdk.ch/ (eMuseum) 

http://medienarchiv.zhdk.ch/ (Medienarchiv der Künste) 

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Rolf Wolfensberger

Dr. phil. hist., Leiter des Archivs der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK 

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Les archives de la Haute école d’art de Zurich (ZHdK) représentent environ 140 ans d’histoire de cette école et des institutions qui l’ont précédée. Parmi les archives des hautes écoles, celles de la ZHdK présentent quelques particularités. Elles possèdent la fonction d’archivage intermédiaire pour les dossiers produits par les unités administratives de l’institution. Pourtant, ce sont les archives définitives qui sont plus importantes pour la constitution et la communication des œuvres et documents dans le domaine de la formation et de la recherche artistique, ainsi que de la documentation correspondante aux processus de création, aux mises en scène et aux représentations artistiques. Les stratégies développées dans cet environnement interdisciplinaire vont plus loin que celles d’autres archives. La séparation entre archives et bibliothèque que l’on retrouve dans la plupart des hautes écoles est caduque dans le cas de la ZHdK, car les archives forment une part structurelle de la division de la médiathèque (Medien- und Informationszentrum MIS). Avec le déménagement de la ZHdK sur le nouveau campus de Toni-Areal à l’été 2014, les archives ne sont plus uniquement très présentes dans le quotidien de la Haute école, mais elles pourront améliorer les conditions de conservation des collections.