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2014/1 Der Alpenraum – ein Kulturraum

Das Historische Alpenarchiv der Alpenvereine

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Seit etwas mehr als fünf Jahren ist das «Historische Alpenarchiv» der Alpenvereine in Deutschland, Österreich und Südtirol online. Rund 75 000 Datensätze erschliessen künstlerische Objekte, Ausrüstungs- und Gebrauchsgegenstände, Fotos und Aktenmaterial – physisch an den drei Standorten München, Innsbruck und Bozen gelagert oder ausgestellt. Hintergrund dieser Zusammenarbeit ist die gemeinsame Geschichte der drei Alpenvereine und ihrer Sammlungen (Gärtner, Monika/Friederike Kaiser, Alpingedächtnis online. Das Historische Alpenarchiv von Deutschem Alpenverein, Oesterreichischem Alpenverein und Alpenverein Südtirol, in: Berg 2007 (Alpenvereinsjahrbuch Zeitschrift Band 131), München/ Innsbruck/Bozen 2006, 174–179).

Die Sammlungen des Alpenvereins

Ein Dreivierteljahrhundert lang umfasste der Deutsche und Oesterreichische Alpenverein den gesamten deutschen Sprachraum in Mitteleuropa mit Ausnahme der Schweiz. Seit 1874 waren darin der Oesterreichische Alpenverein (1862 in Wien gegründet) und der Deutsche Alpenverein (1869 in München gegründet) mit seinen damals 34 Sektionen vereinigt. Rasch wuchs die Zahl der Sektionen und ihrer Mitglieder an und erreichte vor dem Zweiten Weltkrieg einen Stand von rund 200 000 Mitgliedern in über 400 Sektionen im Deutschen Reich und in Österreich.

Die Sektionen sind die Träger der Arbeit des Alpenvereins; gemeinsame Interessen nahmen die jährliche Hauptversammlung und ein Central-, später ein Haupt- und ein Verwaltungsausschuss wahr. Der ständig wechselnde Sitz dieser Vereinsleitung verhinderte zunächst die Einrichtung von zentralen Institutionen, bis vor mehr als einem Jahrhundert mit der Laternbildsammlung, der Bibliothek und dem Alpinen Museum die drei wesentlichen Sammlungen des Vereins angelegt wurden1.

Zur Unterstützung des Vortragswesens beschloss der Alpenverein im Jahr 1898, eine zentrale Lichtbildersammlung für Projektionen anzulegen. Die sogenannte «Laternbildsammlung» befand sich zunächst in Leipzig, wechselte dann nach München und war ab 1919 räumlich und organisatorisch mit der Bibliothek verbunden. Eine zweite Laternbildstelle wurde 1912 in Wien eingerichtet. Die Bestände beider Sammlungen sind in Gebirgs- und Sachgruppen gegliedert und durch mehrere Verzeichnisse erschlossen (das 1927/28 für München und Wien erschienene Verzeichnis löste ältere ab, Nachtragsverzeichnisse erschienen für München 1931, 1935 und 1941, für Wien 1936)2.

Die Verzeichnisse enthalten etwas mehr als 32 000 Titel; für viele davon sind Alternativbilder vorhanden, sodass wir den Gesamtbestand auf ca. 40 000 Bilder schätzen.

Beide Laternbildsammlungen wurden von Bombenschäden verschont und werden heute in Innsbruck aufbewahrt.

Die Zentralbibliothek des Alpenvereins, seit 1912 Alpenvereinsbücherei genannt, geht auf eine Schenkung von Willi Rickmer Rickmers zurück, der dem Alpenverein im Jahr 1901 seine alpine Büchersammlung von rund 5000 Bänden mit der Widmung überlassen hat, von ihr ausgehend eine zentrale Alpenvereinsbücherei mit Sitz in München aufzubauen. Der Bibliothek kamen rasch zahlreiche Widmungen zu – nicht nur an Büchern und Karten, sondern auch an Kunstgegenständen. Rickmers leitete in den ersten Jahren die Bibliothek selbst und begann damals bereits den «Kern eines Museums» anzulegen, indem er auch Ausrüstungsgegenstände und Hüttenmodelle in die Bibliothekssammlung aufnahm. Ein Handschriftenarchiv, das Briefe und Tagebücher enthielt sowie eine Sammlung von Gipfel- und Hüttenbüchern umfasste, vervollständigte den umfassenden Charakter der Sammlungen der Bibliothek, die folgerichtig auch zahlreiche Ausstellungen in ihren Räumlichkeiten durchführte und Leihgaben für die Ausstellung des Alpinen Museums zur Verfügung stellte. Darüber hinaus verwahrte die Bücherei auch Teile des Vereinsarchivs.

Von 1904 bis 1930 stand die Bücherei unter der Leitung von Dr. Aloys Dreyer, auf den Dr. Hermann Bühler folgte. Erschienen sind das Bücherverzeichnis der Alpenvereinsbücherei von 1927 mit einem Nachtrag für 1927– 1930 (1939), Alpine Bibliographien von 1931 bis 1937 sowie ein Karten- und Rundsichtenverzeichnis (1930) mit Nachtrag (1939). Zuletzt umfasste die Bücherei, untergebracht in der Westenriedstrasse in München, knapp rund 62 000 Bände, 7000 Karten, mehr als 1200 Panoramen, 15 000 Bilder (Grafiken) und 4000 Handschriftentitel sowie mehrere Hundert Gipfel-, Führerund Hüttenbücher3. Bis auf wenigeTausend Exemplare der Bücher und Grafiken fiel der gesamte Bibliotheksbestand im Zweiten Weltkrieg einem Brand in Folge eines Bombenangriffs zum Opfer.

Trotz dem umfassenden Sammlungscharakter der Bibliothek wurde 1911 schliesslich auch das Alpine Museum eröffnet. Als Standort waren Innsbruck und München infrage gekommen – die Stadt München stellte mit der «Isarlust» das attraktivere Angebot und bekam den Zuschlag. Gründungsdirektor Landgerichtsrat a. D. Dr. Carl Müller leitete das Museum bis ins Jahr 1937, anschliessend wurde die Verwaltung dem Bibliotheksleiter Dr. Hermann Bühler anvertraut. Das Haus auf der Praterinsel war mit Ausstellungsstücken prall angefüllt, kaum ein Stück wurde im Keller verwahrt. 8000 Objekte sollen nach Bühler vorhanden gewesen sein: Gemälde und Grafiken, Reliefs, Ausrüstungsgegenstände, viel Volks-, vor allem aber Naturkundliches sowie eine Gesteinssammlung.

Sammlungsverzeichnisse sind nicht erschienen, ein Museumsführer von Carl Müller aus dem Jahr 1916 wurde erst 1930 durch einen als Sondernummer der Deutschen Alpenzeitung veröffentlichten Museumsrundgang von Walter Schmidkunz ersetzt, der aus politischen Gründen – das Thema Südtirol war für die Nationalsozialisten zu direkt angesprochen – schliesslich nicht mehr verteilt werden durfte. Hermann Bühler nahm Schmidkunz‘ Text aber als Grundlage für den letzten, 1941 erschienenen Führer durch das Alpine Museum in München4.

Bereits beim ersten Bombenangriff der Alliierten auf München in der Nacht vom 19. auf den 20. September 1942 fiel eine Phosphorbombe auf das Gelände des Alpinen Museums; das Gebäude wurde «erheblich in Mitleidenschaft gezogen» und blieb daher gesperrt. Bühler begann nun die wertvollsten Bücher und Grafiken aus Bücherei und Museum in einen als sicher geltenden Bunker im Deutschen Museum auszulagern. Im Laufe des Jahres 1943 wurden offenbar ein Grossteil der Sammlungen des Museums, vor allem Bilder und Reliefs, in das benachbarte Deutsche Museum transferiert, zumindest auch Teile der naturwissenschaftlichen Sammlungen. Die immer häufigeren Luftangriffe auf München veranlassten Bühler und die Vereinsleitung in Innsbruck, nach sicheren Auslagerungszielen zu suchen: Im Winter 1943/44 wurden schliesslich die Objekte aus dem Deutschen Museum nach Tirol in das Schloss Petersberg bei Imst gebracht.

Dagegen lag die möglichst reibungslose Weiterführung des Betriebes der Bücherei und der Laternbildsammlung nicht nur im Sinne der Machthaber, sondern auch der Vereinsleitung. Ein Bombentreffer in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1944 führte schliesslich zum vollständigen Verlust der nicht ausgelagerten Büchereibestände, während die angrenzende Laternbildsammlung praktisch unbeschädigt blieb. Bühler übersiedelte nun mit dem Restbestand in die Alpenvereins- Jugendherberge in Kufstein und begann von dort aus mit dem Neuaufbau der Bücherei. Das Museumsgebäude auf der Praterinsel wurde noch dreimal getroffen und nahezu vollständig zerstört. Dabei gingen auch die noch dort verbliebenen, aber eingeschalten Grossreliefs zugrunde5.

Die verbliebenen Teile der Sammlungen des ehemaligen Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins wurden nach 1945 auf die Nachfolgevereine in Deutschland und Österreich aufgeteilt.

Zunächst gelang es Hermann Bühler offenbar, trotz Besatzung und Grenzsperren 25 Kisten mit Büchern von Kufstein nach München zu bringen, wo relativ rasch mit dem Wiederaufbau der Bücherei begonnen wurde6. Anfang der 1950er-Jahre wurden weitere Bücher aus den ausgelagerten Beständen an den DAV übergeben, Doubletten blieben in Innsbruck. Grundsätzlich einigten sich die beiden Vereine schliesslich darauf, dass Büchereibestände an den DAV gehen und die Reste der Museumssammlungen – vor allem Gemälde und Reliefs – beim OeAV verbleiben sollten. Vermutlich aus Unkenntnis über das Zustandekommen der Sammlungen blieben aber Grafiken, die aus der Bücherei stammen, ebenfalls in Innsbruck, während beispielsweise die Ex-Libris-Sammlung des Museums nach München kam. Weitere Ungenauigkeiten – so befindet sich beispielsweise das 1882 angelegte Hütten- Grundbuch in Innsbruck, die dazugehörigen Pläne in München – zeigen nur, dass mangels brauchbarer Inventare und Verlagerungsverzeichnisse eine Übersicht über die einzelnen Objekte nicht zu erreichen war, und so einigten sich die beiden Vereine schliesslich Anfang der 1980er-Jahre sehr pragmatisch darauf, alle Objekte dort zu belassen, wo sie sich zu diesem Zeitpunkt befanden.

Die Vereinsakten, die in ihrem Umfang und ihrer Bedeutung nicht die kleinste Rolle spielen (und bei denen stets für Nachschub gesorgt ist), wurden im Übrigen nach Möglichkeit geteilt: Der Schriftverkehr zwischen Vereinsleitung und deutschen Sektionen wurde an den DAV übergeben, jener mit den früheren Sektionen in Südtirol an den neu gegründeten AVS. Nicht zu trennende Bestände blieben in Innsbruck.

Erst nach einer längeren Odyssee durch verschiedene Lagerräume konnten die alten Museumsobjekte ab 1973 wieder für Ausstellungen genutzt werden; 1977 wurde im Alpenvereinshaus in Innsbruck ein Stockwerk als Museum eingerichtet. Der DAV betrieb neben der Bücherei den Neuaufbau einer Sammlung für ein Alpines Museum, das seit 1996 in seinem alten Standort auf der Praterinsel geöffnet ist7.

Das Historische Alpenarchiv

Durch die Zusammenarbeit der beiden Museen und das Interesse an der Provenienz der Sammlungsbestände entstand die Idee zu einer «virtuellen» Zusammenführung der Bestände: Das Projekt «Historisches Alpenarchiv» wurde mit Mitteln der EU, des Landes Tirol, des Freistaates Bayern und erheblichen Eigenbeiträgen der Alpenvereine ins Leben gerufen. Der AVS schloss sich mit Unterstützung des Landes Südtirol und der Stiftung der Südtiroler Sparkasse ebenfalls an.

Das Projekt beinhaltete unter anderem die Neuaufnahme der Vereinsakten aller drei Vereine, den Bau eines neuen Depots des OeAV8 und die Digitalisierung von grossen Fotobeständen bei AVS und DAV. Die Website www.historisches-alpenarchiv.org (auch .de, .it bzw. www.alpenarchiv.at) ist das für die Öffentlichkeit sicht- und benützbarste Ergebnis dieses grossen Projektes. In nahezu 10 000 Datensätzen sind Kunstwerke und Sachgut, in 27 000 Datensätzen Schriftgut, in 30 000 Datensätzen Fotos und in weiteren 8000 Datensätzen verschiedene andere Objekte verzeichnet. Vernetzt sind diese Objekt-Datensätze mit über 14 000 Info-Datensätzen zu Personen, Institutionen, Infrastruktur und Ereignissen.

Das Historische Alpenarchiv ist aber noch immer eine Baustelle: Weitere 50 000 Objekt-Datensätze können erst nach einer Überprüfung und Adaptierung freigeschaltet werden. Zudem ist die Programmierung des Internetauftrittes bereits veraltet und muss in den nächsten Jahren erneuert werden.

Laufend werden grössere Teile der Akten digitalisiert und Objekte fotografiert. Das Historische Alpenarchiv vereinigt die aus den alten Sammlungen erhalten gebliebenen Objekte mit den im Lauf der Jahrzehnte neu hinzugekommenen und wird daher laufend ergänzt. Durch Schenkungen und Nachlässe kommen vermehrt Gegenstände aus der Alltagsgeschichte in die Sammlungen.

Aus der gemeinsamen Arbeit an diesem Projekt entstand auch eine gemeinschaftliche Nutzung, die über den Austausch von Objekten für Ausstellungen weit hinausgeht. Ein Ergebnis dieser Arbeit war das Buch und die Ausstellung «Berg Heil» über die Geschichte des Alpenvereins vom Ende des Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Eine Fortsetzung der Zusammenarbeit zur Geschichte der Wege und Hütten läuft bereits. Für die nächste Zukunft ist schliesslich eine enge Abstimmung der Neukonzeption der beiden Museen in Innsbruck und München geplant.

  • 1 Zur Geschichte des Alpenvereins siehe zuletzt Gidl, Anneliese, Alpenverein. Die Städter entdecken die Alpen, Wien 2007 und Deutscher Alpenverein, Oesterreichischer Alpenverein, Alpenverein Südtirol (Hg.), Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918– 1945, Köln/Weimar/Wien 2011.
  • 2 Bühler, Hermann, Die Lichtbildstelle des Deutschen Alpenvereins in München, in: Ders., 40 Jahre Alpenvereinsbücherei in München, München 1941, 26–30. Trojer, Florian, Die Laternbildsammlung des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, in: AVS-Mitteilungen März 2010, 9–11.
  • 3 Bühler, Hermann, 40 Jahre Alpenvereinsbü- cherei in München, München 1941.
  • 4 Bühler, Hermann, Führer durch das Alpine Museum in München, München 1941. Gärtner, Monika/Friederike Kaiser, Das Alpine Museum. Ein Haus für die «gewaltige Entwicklung des Alpinismus», in: BERG 2011 (Alpenvereinsjahrbuch Zeitschrift Band 135), München/Innsbruck/Bozen 2010, 12–29.
  • 5 Schriftverkehr über Zerstörungen und Auslagerungen in OeAV Archiv, KUL 1.38 – 1.42.
  • 6 Esters, Klara/Peter Grimm, Von der handgeschriebenen Bücherliste zum Bildschirmkatalog. Literatur für Bergfreunde und Forscher in der Bibliothek des Deutschen Alpenvereins, in: Aufwärts! Berge, Begeisterung und der Deutsche Alpenverein 1945 bis 2007, (München 2007), 262-265.
  • 7 Gärtner, Monika/Friederike Kaiser, Das Alpine Museum. Ein Haus für die «gewaltige Entwicklung des Alpinismus», in: BERG 2011 (Alpenvereinsjahrbuch Zeitschrift Band 135), München/Innsbruck/Bozen 2010, 12–29 Kaiser, Friederike, Geschichte mit Pausen. Museen und Ausstellungen des Deutschen Alpenvereins, in: Aufwärts! Berge, Begeisterung und der Deutsche Alpenverein 1945 bis 2007, (München 2007), 254–261.
  • 8 Gärtner, Monika/Eva Hottenroth, Das Depot des Alpenverein-Museums in Innsbruck – ein Erfahrungsbericht, in: Museumsdepots und Depoteinrichtungen, Tagungsband zum ICOM-Österreich-Symposium, Innsbruck 2011, 57–61.

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*Pflichtfeld

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Les «Archives historiques» des clubs alpins d’Allemagne, d’Autriche et du Tyrol du Sud sont en ligne depuis plus de cinq ans (www.historisches-alpenarchiv.org). Les quelque 75000 données d’objets consacrées aux objets culturels, équipements et objets d’usage courant, photos et actes, sont stockées ou exposées physiquement sur trois sites: Munich, Innsbruck et Bolzano. Cette collaboration s’explique par l’histoire commune des trois clubs alpins et de leurs collections.

Les clubs alpins allemand et autrichien ont couvert pendant 75 ans l’ensemble de la région germanophone d’Europe centrale, à l’exception de la Suisse. Le Club alpin autrichien (fondé en 1862 à Vienne) et le Club alpin allemand (fondé à Munich en 1869), qui comptait alors 34 sections, sont réunis au sein d’une même organisation depuis 1874. Le nombre des sections et des membres augmenta rapidement et, avant la Seconde Guerre mondiale, atteint près de 200000 membres répartis en plus de 400 sections.

Les archives historiques n’en sont pas moins toujours en chantier: 50000 autres données d’objets ne pourront être mises en ligne qu’après avoir été vérifiées et adaptées.

Le travail commun réalisé dans le cadre de ce projet déboucha également sur une utilisation commune, qui va bien au-delà de l’échange d’objets pour des expositions. Un des résultats de cette collaboration fut l’ouvrage et l’exposition «Berg Heil» sur l’histoire du Club alpin, de la fin de la Première Guerre mondiale à la fin de la Seconde Guerre mondiale. La collaboration se poursuit actuellement et porte sur l’histoire des sentiers et des cabanes. Enfin, il est prévu que les deux musées d’Innsbruck et de Munich revoient leur organisation en étroite collaboration. (Traduction: sg)