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2013/1 Privatarchive

Archiva(a)rischer Brückenschlag oder: eine weitere Verbindung über die Aare

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Die Kooperation zwischen dem Robert Walser-Zentrum und dem Schweizerischen Literaturarchiv wurde 2009 offiziell vereinbart. Was mit gemeinsamen Grundsätzen zur Erschliessung, Aufbewahrung und Nutzung von Archivbeständen begann, ist mittlerweile zur Grundlage einer erfolgreichen Zusammenarbeit und eines regen Austauschs geworden. In einem Gespräch geben Vertreter der beiden Institutionen Einblick in die Praxis und Perspektiven dieser Zusammenarbeit.

Das Schweizerische Literaturarchiv (SLA) wurde 1991 eröffnet und verfügt heute über die grösste Sammlung literarischer Nachlässe und Archive der vier Schweizer Literaturen des 20. Jahrhunderts. Sie ist Teil der Schweizerischen Nationalbibliothek und umfasst rund 100 grössere Nach- und Vorlässe und über 120 Teilnachlässe und Sammlungen, die archivarisch und wissenschaftlich betreut werden. Das Robert Walser-Archiv wurde 1973 in Zürich gegründet und umfasste zunächst die Nachlässe von Robert Walser und Carl Seelig; weitere Bestände, u.a. der Doppelnachlass Emmy Hennings/Hugo Ball, sind in den folgenden Jahren dazugekommen. Das Archiv wurde 2009 nach Bern überführt und ist heute Teil des Robert Walser-Zentrums (RWZ). Beide Institutionen sind in Bern domiziliert, getrennt durch die Aare, aber verbunden durch eine Kooperation, die 2009 durch eine Vereinbarung offiziell besiegelt worden ist.

Die Zusammenarbeit zwischen zwei Institutionen ist immer eine Form des Dialogs – insofern glauben wir, dass das Gespräch auch die angemessene Form darstellt, um über die konkrete Gestaltung dieser Kooperation und deren Potenzial zu berichten.

Wie und mit welchem Ziel ist die Kooperation zwischen den beiden Institutionen zustande gekommen?

LMG: Aus der Perspektive des RWZ ist die Kooperation eng mit der Überführung des Archivs nach Bern und der Eröffnung des neuen Zentrums verbunden. Als Teil der Suche nach einer tragfähigen Finanzierung war die Zusammenarbeit mit verschiedenen privaten und öffentlichen Partnern vorgesehen, die sich dann als sogenanntes «Berner Modell» tatsächlich realisieren liess. Da es um Synergien, Arbeitsteilung, aber auch um Vernetzung ging, kam der Kooperation mit dem SLA eine zentrale Bedeutung zu, und zwar auf verschiedenen Ebenen: von der Erschliessung und Aufbewahrung bis zur Nutzung und Vermittlung von Archivbeständen. Letztlich ging es darum, durch die Zusammenarbeit mit dem SLA das Profil des RWZ durch eine Konzentration auf die Nachlässe von Carl Seelig und Robert Walser zu stärken und für Aufgaben, die eine vergleichsweise kleine Institution personell und finanziell nicht alleine tragen kann, einen erfahrenen Partner zu finden. Am 24. April 2009 wurde eine Vereinbarung zwischen dem SLA bzw. der Schweizerischen Nationalbibliothek und der Stiftung, die das RWZ trägt, unterzeichnet, in der die Zusammenarbeit zwischen den beiden Institutionen geregelt ist.

MW: Im Hinblick auf eine dauerhafte kulturelle Überlieferung der Bestände, die heute zu den bedeutendsten literarischen Quellen des frühen 20. Jahrhunderts zählen, war die materielle Überführung in eine professionelle, konservatorisch gesicherte und fachlich betreute Archivumgebung, wie sie das SLA bietet, die einzig richtige Entscheidung. Im Wirtschaftsjargon könnte man von Outsourcing sprechen. Das SLA übernahm in der ersten Phase eine konsultative Funktion bei der fachgerechten Erschliessung der Dokumente im RWZ in Bern. Das vormalige Walser-Archiv in Zürich besass in seinem Urzustand eher den Charakter einer Privatsammlung, unter wenig optimalen Aufbewahrungsbedingungen. Im Prinzip unterschied sich der Bestand damals nicht sonderlich von anderen Neuzugängen im SLA: Auch er musste erst archivtauglich umgelagert und standardisiert erschlossen werden.

Was bedeutet die Kooperation konkret für die Nachlässe von Robert Walser und Carl Selig? 

 LMG: Die Manuskripte von Robert Walser gehören zu den meistgesuchten und auf dem Autografenmarkt für moderne Literatur zu den höchsten Preisen angebotenen Autografen. Der geschätzte Wert des Nachlasses geht somit in die Millionen – die Infrastruktur für eine verantwortungsvolle Sicherung und Konservierung kann von einer kleinen Institution wie dem RWZ somit eigentlich nicht finanziert werden. Daher sah die Vereinbarung die Hinterlegung der Manuskripte von Robert Walser und Carl Seelig als Depositum im Tiefmagazin des SLA in der Schweizerischen Nationalbibliothek vor. Die Manuskripte werden zwar nach wie vor vom RWZ «bewirtschaftet», sind aber im SLA aufbewahrt. Weiterhin direkt in den zwei Archivräumen des RWZ gelagert werden Erstausgaben, Druckbelege, Lebensdokumente sowie Zeugnisse zur Rezeption und Edition; das sind immer noch mehrere Hundert Archivschachteln. Vor der Überführung wurden von den Manu- skripten – im Rahmen einer anderen Kooperation, nämlich mit dem Imaging & Media Lab Basel – hochauflösende Digitalisate erstellt, als weitere «Sicherung» der Manuskripte, aber vor allem als Hilfsmittel für die wissenschaftliche Arbeit. Der Zugang zu den Originalen kann dadurch auf begründete Ausnahmefälle beschränkt werden – während man gleichzeitig virtuell fast beliebig in die winzig kleine Bleistiftschrift der Mikrogramme Walsers «hineinzoomen» kann.

Das Gegenstück zur Fokussierung der Tätigkeiten des RWZ auf die Nachlässe von Robert Walser und Carl Seelig bildete in der Vereinbarung die Überführung der anderen Nachlässe und Archive, die bisher vom Robert Walser-Archiv in Zürich betreut worden sind, ins SLA. Durch das Depositum der Manuskripte und die Konzentration auf die Nachlässe von Walser und Seelig können die Ressourcen des RWZ stärker für die Erforschung dieser Bestände eingesetzt werden.

Wie nimmt sich die Zusammenarbeit im Fall der überführten Archivbestände, beispielsweise des Doppelnachlasses Emmy Hennings/Hugo Ball, aufseiten des SLA aus?

MW: Zunächst gelangte der Nachlass von Emmy Hennings mit dem Kryptonachlass von Hugo Ball ebenfalls als Depositum ins SLA; mit dem Unterschied allerdings, dass in diesem Fall mit der materiellen Übergabe des Bestandes zugleich auch die Nutzungsrechte vom RWZ dem SLA übertragen wurden. Das heisst, der Umgang mit dem Bestand gestaltete sich von Anbeginn autonomer als bei der Betreuung der Walser-Manuskripte, die auf einer engen interinstitutionellen Kooperation beruht. Unterdessen löste sich das RWZ gänzlich von dem Bestand, und das SLA konnte mit den Erben von Emmy Hennings die Besitzverhältnisse vertraglich neu regeln. Diese neu geschaffene Situation bereitet nun auch den Weg für ein am SLA angesiedeltes Editionsprojekt einer Werkausgabe von Emmy Hennings.

Welche Auswirkungen hatte die Kooperation auf die Erschliessung von Nachlassbeständen?  

LMG: Die Zusammenarbeit hat ihren Anfang eigentlich im Bereich der Erschliessung genommen. Um Bestände anderer Archive integrieren oder deponieren zu können, müssen diese auf der Ebene der Erschliessung kompatibel sein. Daher wurden die Nachlässe und Archive des RWZ als Vorbereitung auf die Überführung zwischen 2008 und 2011 nach den Erschliessungsregeln des SLA, die sich selbst wiederum an internationalen Standards orientieren, inventarisiert. Das SLA konnte dadurch bereits erschlossene Nachlässe übernehmen, das RWZ seinerseits seine Bestände nach anerkannten Standards ordnen.

MW: Die wichtigste Auswirkung besteht sicherlich darin, dass nun seit ca. zwei Jahren differenzierte Findmittel in Form von gut strukturierten Inventaren vorliegen, die im Falle der Nachlässe von Emmy Hennings/Hugo Ball sowie Josef Halperin mittlerweile auch über die Archivdatenbank des SLA, www.helveticarchives.ch, online recherchierbar sind. Dadurch erfolgt eine Vernetzung der Nachlässe, und es steigert sich die Visibilität der Bestände für interessierte Forscher, was ein Blick in die Nutzungsstatistik bestätigt. Die Inventarisierung dient aber auch der internen Qualitätssicherung, zumal erst ein detailliertes Verzeichnis mit festen Signaturwerten eine verlässliche Bestandsübersicht und -kontrolle erlaubt.

Wie muss man sich die Zusammenarbeit im Bereich der Restauration vorstellen? 

MW: Neben dem Auftrag zur kulturellen Vermittlung besitzt das SLA auch den Auftrag zur Bewahrung der ihr anvertrauten Bestände und verfügt zu diesem Zweck, dank der Einbindung in die Nationalbibliothek, über entsprechende konservatorische Kompetenzen. Gerade Dokumente aus dem Nachlass Emmy Hennings/Hugo Ball befinden sich, aufgrund der prekären Lebensumstände des Künstlerehepaars, teilweise in einem kritischen Zustand, der besondere konservatorische Massnahmen erfordert. Vor allem die Bibliothek Hugo Balls und die Fotografien von Emmy Hennings bedurften eines speziellen Schutzes. Dabei handelt es sich nicht primär um restaurative Eingriffe zur intakten Wiederherstellung, sondern um die Stabilisierung des überlieferten Zustandes. Auf diese Weise wird verhindert, die Historizität des Objekts zu verfälschen. Denn auch «Schäden» können Träger materieller Kontextinformationen sein, die es zu erhalten gilt. Als zusätzliche Schutzmassnahme werden für die Fotografien momentan digitale Arbeitskopien erstellt, um die Originale so weit wie möglich zu schonen.

Welche Folgen hat die Kooperation für die Nutzung der Bestände? 

 LMG: Die Bearbeitung einer Anfrage für die Konsultation eines Seelig-Briefes zu Forschungszwecken oder für die Ausleihe eines Walser-Manuskripts für eine Ausstellung ist zwar etwas komplizierter geworden, da jeweils eine Absprache zwischen den beiden Institutionen erforderlich ist. Dies hat aber wiederum den Vorteil, dass solche Abläufe klarer geregelt werden müssen und dadurch vielleicht auch professioneller abgewickelt werden können. Wir arbeiten mit Merkblättern und Formularen, die wir gemeinsam erarbeitet haben. Das Verfahren hat sich – zumindest aus Sicht des RWZ – bisher bewährt.

MW: Vonseiten des SLA kann das nur bestätigt werden. Am Anfang erforderte die Neuorganisation zwar einen gewissen Mehraufwand, bis sich die Abläufe eingespielt hatten. Mittlerweile führt die Aufgabenteilung indes auch zu einer gegenseitigen Entlastung: Die beiden Institutionen bedienen je unterschiedliche Nutzungsinteressen. Während das RWZ als Kompetenzzentrum mit einer umfassenden Forschungsbibliothek und dem digitalisierten Archivbestand ausgerüstet ist, stehen den Benutzenden im SLA bei Bedarf die Originalmanuskripte zur Verfügung – nicht nur im Nachlass des Autors selbst, sondern auch in anderen Nachlässen, wo sich verstreut Walseriana vorfinden.

Eine Aufgabe von Archiven ist es auch, das Wissen, das in ihren Beständen schlummert, nach aussen zu vermitteln. Welche Rolle spielt die Kooperation zwischen SLA und RWZ für diese Vermittlungstätigkeit? 

LMG: Die beiden Institutionen treffen sich in ihrer Ausrichtung auf die Literatur des 20. Jahrhunderts und den Bezug zur Gegenwartsliteratur, gemeinsame öffentliche Veranstaltungen, Forschungsprojekte oder Ausstellungen sind also naheliegend. So scheint es fast selbstverständlich, dass die Jahrestagung der Robert Walser-Gesellschaft im SLA, dem Aufbewahrungsort der Manuskripte, durchgeführt oder die Veranstaltung des SLA zum 80. Geburtstag des Walser-Verehrers Paul Nizons vom RWZ mitorganisiert worden ist.

MW: Um schlummerndes Wissen zu vermitteln, muss es mitunter erst geweckt werden. Und dazu ist der kontinuierliche Dialog mit dem RWZ von erheblicher Bedeutung. Aus der gemeinsamen Zusammenarbeit ergeben sich oft neue, auch überraschende Perspektiven. Sei es, was die Themenfindung für Veranstaltungen anbelangt, seien es aber auch konkrete philologische Erkenntnisse bei der gemeinsamen Autopsie von Handschriften. Die Besuche der RWZ-Mitarbeiter im SLA, um die Walser-Dokumente einzusehen, sind immer auch eine willkommene Gelegenheit für den gegenseitigen fachlichen Austausch.

Was sind die Zukunftsperspektiven der Kooperation? 

 LMG: Die gemeinsame Aufbewahrung und Betreuung von Nachlassbeständen hat sich – dies kann man nach drei Jahren festhalten – sehr bewährt. Selbstverständlich werden in diesem Bereich immer wieder neue Herausforderungen auf alle Beteiligten zukommen, etwa wenn grössere Ausstellungs- oder Restaurierungsprojekte anstehen. Ein grosser Gewinn waren der wissenschaftliche Austausch und die gemeinsame Organisation von Veranstaltungen. Es ist ja nicht so, dass die Mitarbeitenden beider Institutionen mit ihren jeweiligen Beständen nicht genug zu tun hätten, aber der Reiz und der Nutzen dieser Form der inhaltlichen Kooperation ist ja gerade, dass neue Sichtweisen und Ideen entwickelt und umgesetzt werden können. Insofern ist nicht nur das Zwischenfazit sehr erfreulich, sondern auch der Blick in die Zukunft.

MW: Zu erwähnen ist prospektiv vielleicht noch der Wissenstransfer im Bereich der Editionsphilologie. An beiden Orten sind derzeit Editionsprojekte im Gange: Im RWZ entsteht die Kommentierte Berner Ausgabe (KBA) von Walsers Werken, im SLA laufen Projekte mit unterschiedlicher philologischer Ausrichtung zu Friedrich Dürrenmatt, Hermann Burger und, wie bereits erwähnt, auch zu Emmy Hennings. Diese Ausgangslage bietet in Zukunft sicher intensiviert die Möglichkeit, trotz inhaltlich heterogener Editionsvorhaben gemeinsam methodische Fragen diskutieren zu können.

Kurz: Zwischen dies- und jenseits der Aare wird auch weiterhin ein reger Verkehr herrschen. Eine Situation, von der alle Seiten nur profitieren können – nicht zuletzt auch die Seite der Benutzenden, für die wir schliesslich arbeiten. 

Lucas Marco Gisi (LMG) (Robert Walser-Zentrum, RWZ) lucas.gisi@robertwalser.ch

Magnus Wieland (MW) (Schweizerisches Literaturarchiv, SLA) magnus.wieland@nb.admin.ch 

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Depuis 2009, une convention règle la coopération entre le Centre Robert Walser (RWZ) et les Archives littéraires suisses (ALS). En exploitant les règles des ALS, les fonds du RWZ ont été organisés avec professionnalisme et de manière compatible avec ceux des ALS. Pour des raisons conservatoires et de sécurité, les manuscrits de Robert Walser et Carl Seelig sont en dépôt auprès des ALS. D’autres fonds du RWZ comme les archives Emmy Hennings/Hugo Ball ont été complètement intégrés dans les collections des ALS et conservés en respectant un traitement professionnel. En plus de la supervision conjointe d’archives, la convention inclut le principe d’une collaboration fructueuse entre les deux institutions, à travers des échanges scientifiques, des manifestations publiques, des expositions, des projets de recherche et d’édition communs.