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2013/3 Parlons jeunesse – Reden wir vom jungen Publikum!

Das Angebot des Dachvereins Interbiblio zur Leseförderung bei Kindern und Jugendlichen

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Ein Gespräch mit Helene Schär, Präsidentin des Vereins Interbiblio

arbido: Können Sie uns einleitend den Verein Interbiblio vorstellen? 

Interbiblio ist der Dachverein der inter- kulturellen Bibliotheken der Schweiz. Er ist 1993 gegründet worden und zählt gegenwärtig 22 Mitglieder. Jede Mitgliedsbibliothek hat ihre eigene Entstehungsgeschichte und funktioniert anders. Gemeinsam ist ihnen, dass sie zusammen mit Menschen aus allen Teilen der Welt, die in der Schweiz wohnhaft sind, Bücher und andere Medien in Sprachen anbieten, die nicht in den Gemeinde- oder Stadtbibliotheken erhältlich sind. Das Angebot bietet einerseits die Möglichkeit, die eigene Herkunftssprache und -kultur pflegen zu können, und andererseits heisst ein solcher Ort auch Menschen willkommen, die sich vielleicht fremd fühlen und eine niedrige Schwelle benötigen. Insofern tragen die interkulturellen Bibliotheken zur Integration bei, doch auch schweizerische Benutzer und Benutzerinnen ergreifen immer öfter die Chance, Fremdes kennenzulernen.

Was sehen Sie als die besonderen Aufgaben des Vereins Interbiblio und seiner Mitgliedsbibliotheken für Kinder und Jugendliche?

Eltern sollen mit ihren Kindern von Anfang an viel und differenziert sprechen. Auf diese Weise können Kinder die Sprachkompetenz entwickeln, die ihnen die Tür öffnet für die Bildung. Darin ist sich die heutige Forschung einig, und das gilt grundsätzlich für alle Eltern. Für fremdsprachige Kinder und Jugendliche stellt sich die Frage, in welcher Sprache die Eltern mit ihnen reden sollen. Nach neuesten Erkenntnissen sollten Eltern jene Sprache wählen, die ihnen am nächsten und vertraut ist. Sie wird gern auch Herzenssache genannt, weil sie spontan von innen kommt. Diese Sprache bietet auch die Grundlage für den leichteren Erwerb einer Zweitsprache und hilft bei der Stärkung der Identität. Doch sie muss differenziert und vielfältig sein, muss gepflegt werden, vor allem in einem anderssprachigen Umfeld.

Hierzu bieten die interkulturellen Bibliotheken Hand. Die Eltern werden nicht nur ermuntert, mit ihren Kindern konsequent in ihrer Sprache zu sprechen, sie erhalten auch Unterstützung mittels Büchern, Kassetten, CD oder in Eltern-Kind-Gruppen mit anderen Menschen aus demselben Sprachraum. Ganz nebenher gewöhnen sich auch schon kleine Kinder an die Institution Bibliothek, und es wird für sie selbstverständlich, auch in die Bibliothek mit dem Angebot der später dazugelernten Zweitsprache zu gehen.

Insofern sind interkulturelle Bibliotheken auch Brückenbauerinnen zwischen den Kulturen und Sprachen.

Wie hat sich die Arbeit des Vereins und seiner Mitgliedsbibliotheken in diesem Bereich in den letzten 20 Jahren (also seit der Gründung von Interbiblio) verändert? 

In den letzten Jahren hat die Forschung Erkenntnisse zutage gebracht, die der Erstsprache besondere Bedeutung beim Spracherwerb und der Entwicklung der Lesefähigkeit auch in der Zweitsprache beimessen. Andererseits haben die Integrationsbemühungen in der Schweiz spezifischere Formen angenommen. Das Erlernen der deutschen bzw. der französischen oder italienischen Sprache hat einen hohen Wert erhalten. Gegenüber anderssprachigen Menschen wird dabei aber oft von Defiziten gesprochen, die eher diskriminieren. Die interkulturellen Bibliotheken wollen dieser Tendenz zusammen mit ExpertInnen ein Gegengewicht setzen und aufzeigen, dass es sich um zusätzliche Fähigkeiten handelt, die auch im Schulunterricht einbezogen werden sollten. So kann der Vielsprachigkeit ein anderer Status verliehen werden. Interkulturelle Bibliotheken kennen keine Hierarchisierung der Sprachen, sondern betonen die Bereicherung durch jegliche Sprache. Wichtig ist, dass gerade Kinder und Jugendliche durch die Beschäftigung mit dem gesprochenen und geschriebenen Wort in der Muttersprache die Voraussetzungen zur Lesefähigkeit entwickeln, die auch in der Zweitsprache von grossem Nutzen ist.

Können Sie uns die Projekte zur Leseförderung und zur Erstsprachenförderung des Vereins Interbiblio bzw. seiner Mitgliedsbibliotheken genauer vorstellen? 

Geschichten für die Kleinen:

Kinder, die vielfältige sprachliche Anregung erhalten und von klein an mit Geschichten und Bilderbüchern aufwachsen, lernen später leichter lesen und schreiben. Das Lesen-Lernen beginnt lange vor der eigentlichen Alphabetisierung in der Schule.

In vielen Bibliotheken werden Eltern-Kind-Gruppen gebildet, in denen unter Anleitung einer ausgebildeten Animatorin in der Heimatsprache Lieder gesungen, Verse aufgesagt, Geschichten erzählt werden und so in die Welt des Buches eingeführt wird. Daneben werden Animationen in verschiedenen Sprachen durchgeführt und die Kinder und Eltern dazu ermuntert, auf die eigene Sprache zu hören, aber auch andere Sprachen wahrzunehmen. Diese praktizierte Vielsprachigkeit unterstützt die Wertschätzung einer jeden Sprache und führt auf spielerische Weise auch zur jeweiligen Lokalsprache. Diesem interkulturellen Austausch wohnen nicht selten auch schweizerische Eltern und Kinder bei, um früh offen zu sein für andere Sprachen.

Die interkulturellen Bibliotheken arbeiten in diesem Bereich eng mit den Projekten Family Literacy des Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien und 1001 Histoires pour les petits des Institut suisse Jeunesse et Médias zusammen. MitarbeiterInnen der interkulturellen Bibliotheken werden über die kostenlos angebotenen Ausbildungskurse als SprachanimatorInnen in Eltern-Kind-Gruppen informiert, und Interbiblio übernimmt die anfallenden Reisekosten für Kursbesuche.

Das Projekt «Schreibinsel»

Die Erstsprachförderung bei Jugendlichen stellt in der Öffentlichkeit kein Thema mehr dar. Sie sollen die Lokal- sprache beherrschen. Dass aber die Erstsprache, die Gefühlssprache und damit die kulturellen Wurzeln dieser jungen Menschen ein wichtiges Element zur Identitätsfindung ist, wird dabei übersehen. Die Kenntnis einer weiteren Sprache gilt höchstens bei Englisch oder allenfalls Französisch und Italienisch als Bereicherung. Dass aber jede Zweisprachigkeit oder die Möglichkeit, von einer Kultur in die andere zu wechseln, sich in zwei oder mehreren Kulturen auszukennen, auch ein Vorteil gegenüber der Einsprachigkeit darstellen kann, zählt in den wenigsten Fällen. Darum entwickelte Interbiblio im Gespräch mit dem Team des Schulhausromans (www.schul-hausroman.ch) das Schreibinsel-Projekt, in dem Jugendliche ihre zwei- oder mehrsprachigen Kenntnisse einbringen und ihrer «Transkulturalität» ein für sie bis anhin unbekanntes Gewicht geben können. In Zusammenarbeit mit dem Projektteam des Schulhausroman, das die nötige Erfahrung und das Know-how hat, wird eine Gruppe Jugendlicher während vier Nachmittagslektionen von Schriftstellern und/oder Schriftstellerinnen angeleitet, selbst einen oder mehrere Texte in der Sprache zu verfassen, die für den jeweiligen Inhalt am nächsten ist und in einer öffentlichen Lesung einem grösseren Publikum vorzustellen.

Ein erstes Pilotprojekt wurde in der interkulturellen Bibliothek ib in Winterthur mit einer Gruppe von sieben Jugendlichen unter der Leitung der Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji und des Rappers und Musikers Jurczok durchgeführt. Die Resultate waren überraschend und sehr persönlich, die Jugendlichen sehr motiviert, sich weiter mit sprachlichem Ausdruck zu betätigen. Sie wurden in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt, schon nur, weil die ganze Klasse den Lesungen an der Schlussveranstaltung atemlos zugehört hatte.

Ein zweites Pilotprojekt wird in der interkulturellen Bibliothek A TOUS LIVRES in Monthey im Wallis durchgeführt werden. Bereits haben sich weitere Mitgliedsbibliotheken angemeldet, die dieses Projekt ebenfalls durchführen möchten.

Die Pilotprojekte wurden von den Stiftungen Mercator, Göhner und Paul Schiller finanziell unterstützt. Interbi- blio sucht weitere Unterstützungsgelder.

Inwieweit sind Anpassungen der Projekte an die einzelnen Mitgliedsbibliotheken notwendig? Oder anders gefragt, worin unterscheiden sich Ihre Mitgliedsbibliotheken?

Gemeinsame Projekte werden so konzipiert, dass sie für alle Bibliotheken anwendbar sind. Dennoch sind Anpassungen notwendig. Beim Projekt «Geschichten für die Kleinen» zum Beispiel belieferte Interbiblio die Mitgliedsbibliotheken zunächst nach einem demokratischen Entscheid an der Delegiertensitzung mit Erstlingsbüchern auf Türkisch, Albanisch, Tamil und Arabisch. Mittlerweile haben die Bibliotheken aber so unterschiedliche Bedürfnisse, dass weitere gemeinsame Buchbestellungen keinen Sinn mehr machen. Interbiblio entschied, den einzelnen Bibliotheken stattdessen Geld zur Verfügung zu stellen mit der Auflage, dafür individuell Bücher anzuschaffen und lieferte eine Buchliste mit. Finanzielle Unterstützung für dieses grössere Projekt erhielt Interbiblio von der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen und der Göhner-Stiftung.

Auf die verschiedenen Migrations- bewegungen müssen die interkulturellen Bibliotheken flexibel reagieren. Im Augenblick wird oft Tigrinya (Eritrea) oder Somali gefragt. Auch das portugiesische Angebot muss aufgestockt werden.

Da also die Sprachangebote je nach «eingewanderten» Benutzern stark variieren, bestehen auch unterschiedliche Bedürfnisse. Einzelne Bibliotheken sind ausserdem, wie die JUKIBU, spezialisiert auf Kinder- und Jugendbücher, andere richten sich an alle Altersstufen.

Generell kann man sagen, dass sich die Mitgliedsbibliotheken durch ihre Entstehungsgeschichte unterscheiden, die mit dem Standort und der Motiva- tion der «GründerInnen» und mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Möglichkeiten zusammenhängt. In der Regel sind es sogenannte Grassroot-Bewegungen, die jedoch gern auf die Erfahrungen der bestehenden Mitgliedsbibliotheken zurückgreifen. Das Netzwerk, das Interbiblio aufgebaut hat und stets unterhält, leistet hier wichtige Dienste.

Selbstverständlich würden alle Bibliotheken am liebsten ein allgemeines Sortiment anbieten. Doch die finanziellen und personellen Ressourcen erlauben dies meistens nicht.

Auch die Animationsangebote sind unterschiedlich. Es hängt stark von den MitarbeiterInnen ab, die diese meist ehrenamtlich durchführen. Auch alle anderen Arbeiten in den Mitgliedsbibliotheken werden vorwiegend ehrenamtlich von engagierten Frauen und Männern geleistet, die oft auch die Bibliothekskurse absolviert haben.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit des Vereins Interbiblio bzw. seiner Mitgliedsbibliotheken mit Schulen? Gibt es eine Zusammenarbeit zwischen den interkulturellen Bibliotheken und anderen öffentlichen Bibliotheken? Wie würden Sie den besonderen Stellenwert der interkulturellen Bibliotheken gegenüber anderen öffentlichen Bibliotheken (insbesondere in Bezug auf Kinder und Jugendliche) beschreiben?

Alle interkulturellen Bibliotheken arbeiten eng mit den Schulen zusammen, bieten Führungen an, auch Lektionen in den Bibliotheksräumen. Die interkulturellen Bibliotheken entstehen oder sind dort entstanden, wo viele fremdsprachige Menschen leben, wo also auch die Schulen stark durchmischt sind. Es ist daher in der Regel ein Anliegen der Lehrkräfte, ihre Schülerinnen und Schüler auf das Angebot an Medien in deren Heimatsprachen hinzuweisen.

Daneben wird eng mit den HSK- (Heimat- und Sprachkurse-)Lehrkräften zusammengearbeitet, für die die interkulturellen Bibliotheken die wichtigsten Quellen sind, um ihren Schülern entsprechende Medien anzubieten. Manche dieser Lehrkräfte halten ihre Lektionen teilweise direkt in den interkulturellen Bibliotheken ab und/ oder organisieren ihre Treffen und Feste dort.

Fast alle interkulturellen Bibliotheken versuchen, den Kontakt zu den öffentlichen Bibliotheken zu unterhalten. Es ist schliesslich eines der Ziele, die jungen Menschen an das Bibliothekswesen zu gewöhnen, damit ihnen auch die öffentliche Bibliothek mit dem Angebot der Lokalsprache geläufig wird.

Der Unterschied zu den öffentlichen Bibliotheken besteht sicher darin, dass sich Menschen aus fremden Kultur- und Sprachräumen in den interkulturellen Bibliotheken durch das spezifische Sprachangebot und die vielen MitarbeiterInnen mit Migrationshintergrund direkt angesprochen fühlen und sich dort schnell zurechtfinden. Sie entdecken Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, ähnlichen Sorgen und Problemen und auch Erlebnissen. Oft sind dies auch Menschen, die sich erst an ein Bibliothekssystem gewöhnen mussten und darum viel Verständnis aufbringen für die neue Kundschaft. Der niedrigschwellige Zugang vereinfacht den Kontakt, gerade auch für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund bzw. deren Eltern.

Kontakt: helene.schaer@sunrise.ch

Die Fragen stellte Annkristin Schlichte-Künzli, Redaktion arbido 

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Helene Schär, présidente d’Interbiblio, présente dans cet entretien les tâches et les buts de l’Association des bibliothèques interculturelles de Suisse. De par leur offre de médias en langues étrangères, ces bibliothèques contribuent à ce que les migrantes et les migrants qui résident en Suisse puissent continuer à maintenir leur langue et leur culture d’origine. Il est en effet important pour les enfants et les adolescents de langue étrangère qu’ils apprennent la langue de leurs parents, car celle-ci est primordiale pour l’apprentissage facilité d’une deuxième langue. Les bibliothèques interculturelles soutiennent donc les parents de langue étrangère, par exemple via des groupes parents-enfants. Les offres de l’association Interbiblio dans le domaine des langues premières et de la promotion de la lecture sont le programme «Histoires pour les petits» et le projet «Oasis d’écriture» qui s’adresse aux adolescents.

Les bibliothèques interculturelles collaborent étroitement avec les écoles et cherchent également à coopérer avec les bibliothèques publiques, car le but est le même: familiariser les (jeunes) gens au domaine de la bibliothèque.