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2013/3 Parlons jeunesse – Reden wir vom jungen Publikum!

Bibliothek als Welt

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Im Quartier Sankt Johann in Basel befindet sich die Interkulturelle Bibliothek für Kinder und Jugendliche, kurz JUKIBU genannt. Mit über 20000 elektronisch erfassten Medien in mehr als 50 Sprachen ist in der JUKIBU fast die ganze Welt zu Hause. Wie ist diese ungewöhnliche, nicht von der öffentlichen Hand getragene Bibliothek entstanden, und wie ist es möglich, dass ausgerechnet in einer Kinder- und Jugendbibliothek Integration und Toleranz eine gelebte Realität sind? Das Geheimnis liegt im Zusammenspiel von Neugier, Engagement und Angebot.

«Jeder Mensch in unserer globalen Gesellschaft hat das Recht auf die volle Bandbreite von Bibliotheks- und Informationsangeboten ... Spezielle Aufmerksamkeit sollte den Gruppen gelten, die in kulturell vielfältigen Gesellschaften oft an den Rand gedrängt werden: Minderheiten, Asylsuchende und Flüchtlinge, Menschen mit befristeter Aufenthaltserlaubnis, Wanderarbeiter und Ureinwohner.» Nachzulesen sind diese Sätze im Manifest zur multikulturellen Bibliothek der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA)Manifest der IFLA zur multikulturellen Bibliothek: http://archive.ifla.org/VII/s32/pub/MulticulturalLibraryManifesto-de.pdf..

In der Stadt Basel haben etwa 30 Prozent der Bevölkerung keinen Schweizer Pass. Fast die Hälfte davon spricht eine andere Erstsprache als eine der Schweizer Landessprachen1. Die Kinder dieser Familien, die in Basel und Umgebung leben, wachsen zwei- oder mehrsprachig auf. Für diese Kinder und Jugendlichen, die sich täglich zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen bewegen, wurde 1991 die Bibliothek JUKIBU gegründet.

In der Interkulturellen Bibliothek für Kinder und Jugendliche in Basel spiegelt sich die kulturelle und sprachliche Vielfalt der heutigen Schweiz.

Die Gründung der Bibliothek erfolgte auf Initiative von Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund, sowie einer engagierten Lehrerschaft und Eltern aus dem Basler Quartier Sankt Johann. Einige der Gründungsmitglieder sprachen kaum Deutsch und nur wenige hatten eine Ahnung vom Bibliothekswesen. Zu Beginn waren engagierte Freiwillige mit einem Grundstock von geschenkten fremdsprachigen Büchern während der Sommermonate im Kannenfeldpark in Basel präsent. Interessierte Parkbesucher konnten diese Bücher gegen ein Pfand ausleihen bzw. anschauen und lesen. Aus diesen Anfängen ist in über zwanzigjähriger Entwicklung eine professionell geführte Bibliothek entstanden. Nach wie vor arbeiten einige der Gründungsmitglieder freiwillig in der JUKIBU mit. Die Philosophie, dass die Mitarbeitenden verschiedenster sprachlicher und kultureller Herkunft aktiv auf die Leserschaft zugehen, prägt den Verein bis heute.

Die Förderung der Erstsprache, die die sprachliche und kulturelle Identität sowie das Selbstbewusstsein eines Menschen stärkt, war immer ein zentrales Ziel der JUKIBU.

Im Jahr 2012 wurden Medien in 50 verschiedenen Sprachen ausgeliehen.

Als ermutigende Bestätigung dieses Ziels möge folgendes Beispiel aus dem heutigen Bibliotheksalltag dienen: Ein arabischsprachiger, jugendlicher Bibliotheksbenutzer erklärt sich bereit, in der JUKIBU zusammen mit seiner Schwester eine Geschichte auf Arabisch und Deutsch für Kinder zu erzählen.

Diese Geschwister sind mit der JUKIBU gross geworden. Sie stehen zu ihrer Mehrsprachigkeit und lassen sie nun auch jüngeren Kindern zugute kommen.

Doch die Bibliothek, die an fünf Tagen pro Woche geöffnet ist, spricht nicht nur Kinder und Jugendliche an. Sie bietet auch Erwachsenen Möglichkeiten zur Mitarbeit und Partizipation. Im Bibliotheksteam sind Angehörige aus dreizehn Ländern mit zwölf verschiedenen Muttersprachen vertreten. Die Arbeitssprache ist Deutsch. Die Anwesenheit von Menschen verschiedenster Sprachen und Kulturen ist eine Besonderheit der JUKIBU. Die interkulturelle Bibliothek unterscheidet sich dadurch von anderen Bibliotheken. Sie ist vielfältiger, bunter und lebendiger. Das, was jede einzelne Person aus ihrer eigenen Kultur mitbringt, macht diese Bereicherung aus, und gerade das spricht ein vielsprachiges multikulturelles Publikum an.

Über 20 Freiwillige bilden zusammen mit der Bibliotheksleiterin, die in einem 50-Prozent-Pensum angestellt ist, ein engagiertes Team. Die Freiwilligen besorgen die Auswahl und das Katalogisieren der Bücher. Sie binden die Bücher ein und sind für die Ausleihe verantwortlich. Sie organisieren regelmässig Lesungen sowie interaktive Erzählanlässe. Sie stehen Lehrpersonen auch beratend zur Seite als Fachpersonen in den Bereichen Interkulturelle Pädagogik und Mehrsprachigkeit. Sieben Teammitglieder haben den SAB-Grundkurs für Bibliothekarinnen und Bibliothekare erfolgreich abgeschlossen. Einige der Teammitglieder waren früher in ihren Heimatländern als Lehrerinnen tätig.

Für viele regelmässige Besucherinnen und Besucher ist die JUKIBU sehr viel mehr als nur eine Bibliothek; sie ist ein lebendiger Ort der Begegnung mit Anderssprachigen. Sie dient somit als Anlaufstelle für Alt und Jung, besonders aber auch für Menschen, die neu zugezogen sind. Menschen, die die Bibliothek öfters besuchen, sind vertraut mit dem Betrieb und wagen es auch, neue Ideen oder eigene Anliegen zu äussern. Wenn ein solches Angebot sogar einem besonderen Bedürfnis der Bibliothek entspricht, freuen sich alle Beteiligten. Das wird im folgenden Beispiel deutlich:

Eine tamilischsprachige Mutter tanzt vor Freude, als sie in der JUKIBU die Zusage bekommt, dass ihr Sohn beim Versorgen der Bücher mithelfen darf.

Ein weiterer Schwerpunkt der JUKIBU ist die Betreuung von Gruppen, die die Bibliothek besuchen. Es sind dies Kindergärten, Schulklassen, Kurse in heimatlicher Sprache und Kultur, Lehrpersonen, Frauengruppen und Asylsuchende, die Deutsch lernen, sowie Studierende. Bei den Veranstaltungen für die Besuchergruppen werden zwei Ziele verfolgt: Die Bibliothek will durch ihr Medienangebot in den vielen Sprachen Heimat anbieten und gleichzeitig den Horizont der Besucherinnen und Besucher erweitern im Hinblick auf andere Sprachen und andere Kulturen. Manchmal weckt das so entdeckte Stück Heimat die Emotionen des Besuchers. Das sind jeweils besonders schöne Momente. Die Führungen ermöglichen aktive Begegnungen mit Sprachen und Kulturen und einen Austausch darüber. Nebenbei werden die Besucherinnen und Besucher mit der Bibliothek als Ort und den damit verbundenen Begriffen vertraut gemacht. Mitglieder des Bibliotheksteams freuen sich besonders, wenn Kinder oder Erwachsene, die an einer Führung teilgenommen haben, später als Bibliotheksbenutzerinnen oder -benutzer wieder in der JUKIBU auftauchen, wie etwa in folgender Begebenheit: Zwei Tage nach einem Klassenbesuch in der JUKIBU bringt ein arabischsprachiges Mädchen seinen Vater mit in die Bibliothek, um ihm die arabischen Bücher zu zeigen. Das Mädchen verlässt die Bibliothek mit einer neuen Bibliothekskarte, der Vater mit einem Bilderbuch aus seiner Heimat Marokko.

Eine andere Geschichte zeigt, wie fruchtbar die Zusammenarbeit eines Kindergartens mit der JUKIBU-Bibliothek sein kann: Seit ein albanisch-sprachiger Junge die Bibliothek mit seiner Kindergartenlehrerin besucht hat, kommt er regelmässig mit seiner Mutter in die JUKIBU. Beim letzten Besuch sagt er selbstbewusst zu seiner Mutter: «Jetzt habe ich schon acht albanische Bücher ausgeliehen, nun möchte ich noch zwei deutsche. Schau Mama, die deutschen Bücher sind dort unten links.»

Eine weitere Möglichkeit für Familien, die Bibliothek JUKIBU zu entdecken, bietet das Projekt Geschichtenbaum. Eine Projektleiterin aus dem Team organisiert und koordiniert diese Erzählanlässe, in denen die Geschichtenerzählerinnen in ihrer Herkunftssprache erzählen. Häufig werden die Geschichten auch zweisprachig erzählt. Und manchmal lesen auch Jugendliche eine Geschichte vor.

Im Jahr 2012 wurden im Geschichtenbaum den Bibliotheksbesuchern insgesamt 64 Geschichten in 15 Sprachen dargeboten: von Arabisch, Japanisch, Russisch bis zu Thailändisch oder Ungarisch. Jedes Mal ist ein anderes Publikum anwesend, je nach Sprache, kulturellem Hintergrund und Motivation zur Teilnahme. Im Zentrum steht immer die Pflege der Erstsprache und der damit verbundenen Kultur. Manchmal kommen die Zuhörerinnen und Zuhörer von weit her, wie folgendes Beispiel zeigt:

Bei der Lesung einer Kamishibai-Geschichte auf Japanisch und Deutsch erzählt eine japanischsprachige Familie, dass sie eigens aus Bern angereist sei, um an dieser Veranstaltung teilzunehmen.

Das Projekt Geschichtenbaum wird finanziell unterstützt von den Fachstellen Integration Basel-Stadt und Integration Basel-Landschaft, sowie von weiteren Gönnerinnen und Gönnern.

Die JUKIBU wurde von Anfang an durch einen Verein getragen. Und das ist auch heute noch so. Die finanziellen Mittel müssen jedes Jahr von neuem vom Vereinsvorstand beschafft werden. Treue Unterstützer über die Jahre sind die GGG (Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige, Basel), die Jacqueline Spengler-Stiftung sowie die Stiftung Habitat.

Schlüsselfiguren sind in allen Bereichen der Bibliotheksarbeit wichtig. Es gibt verschiedene Schlüsselfiguren, sowohl solche, die mit der JUKIBU verbunden sind, als auch andere, die einen Bezug haben zu weiteren Gruppen oder Vereinen aus dem eigenen Kulturkreis. Durch ihre aktive Vermittlung erschliesst sich die Bibliothek neuen Benutzern und weiteren Besucherinnen. Die gezielte Propaganda von Mund zu Mund ist die beste Werbung für die Bibliothek JUKIBU mit ihrem bescheidenen Budget und ihren begrenzten Kapazitäten.

Die JUKIBU ist ein Ort, an dem das Nebeneinander und die Gleichberechtigung der Sprachen gepflegt werden. Ein Ort, an dem es Gelegenheit zum Austausch, zum Dialog und zur Horizonterweiterung gibt. Dadurch entstehen gegenseitiges Vertrauen und Toleranz. Eigenschaften, die unabdingbar sind in der Welt und speziell in unserer heutigen Zeit.

JUKIBU Elsässerstrasse 7, 4056 Basel www.jukibu.ch info@jukibu.ch www.facebook.com/jukibu

  • Gegründet: 1991

  • Organisationsform: Verein

  • Publikum:Kinder, Jugendliche, Erwachsene

    Bezugspersonen

  • Bezahlte Stellen: 50 Stellenprozente für die Bibliotheksleitung

  • Freiwilllige MitarbeiterInnen: zirka 25

  • Ehrenamtliche Vorstandsmitglieder: 8

  • Öffnungszeiten: pro Woche 14 h; während der Schulferien 3 h

  • Anzahl Besuche im Jahr 2012: 79 Gruppen mit insgesamt 1 123 Personen

  • Eingeschriebene NutzerInnen: 3 760

  • Medienangebot: 22 531 Bücher in 64 Sprachen; 3 Computerarbeitsplätze

  • Bibliothekskarte: 5 CHF jährlich

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Maureen Senn-Caroll

Bibliotheksleiterin JUKIBU

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*Pflichtfeld

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De nombreuses familles de langues et cultures différentes vivent à Bâle et dans ses environs. Afin de promouvoir la première et la seconde langue comme le multilinguisme des enfants et des adolescents, la bibliothèque interculturelle JUKIBU a été fondée en 1991par des bénévoles multilingues avec de modestes moyens.

Tout a commencé dans un parc avec un stand pour le don de livres en langues étrangères. En plus de vingt ans, l’aventure s’est transformée en une bibliothèque gérée professionnellement avec des livres édités dans plus de 50 langues. Il demeure que la bibliothèque est toujours liée aux grands efforts de bénévolat de ses employés. L’équipe se compose désormais de la responsable de la bibliothèque et de plus de vingt bénévoles venus de treize pays parlant douze langues maternelles différentes avec de bonnes connaissances en allemand.

La bibliothèque JUKIBU est un lieu où l’échange interculturel se vit jour après jour.