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2013/4 Linked Open Data und Big Data

Alle Bibliotheken können die Zukunft der Katalogisierung gestalten

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Linked Open Data ist Bestandteil einer grösseren Bewegung hin zur datengetriebenen Bibliotheksarbeit. Alle Bibliotheken haben die Chance, bei der Gestaltung der zukünftigen Katalogisierungsregeln und -formate aktiv mitzuwirken. Dazu ist es notwendig, sich mit den Möglichkeiten und aktuellen Diskussionen in diesem Feld auseinanderzusetzen und sich in diese einzubringen. 

Einige wichtige Stichworte sind dabei FRBR, RDA, Bibframe, Kataloganrei­cherung und Metadatenmanagement. Die Functional Requirements for Bib­liographic Records (FRBR) stellen ein Framework für die bibliografische Be­schreibung von Bibliotheksmedien aus Sicht der Nutzerinnen und Nutzer dar, welches als Grundlage für die Formulie­rung zukünftiger Regelwerke dienen soll. (IFLA Study Group on the Functio­nal Requirements for Bibliographic Re­cords, 2009). FRBR unterteilt die biblio­grafischen Daten eines Mediums in vier Entitäten: (Work, Expression, Manifestation und Item). Die Entität Item stellt dabei das konkrete, in einer Bibliothek vorhandene Medium dar. Von dieser Ebene wird der Inhalt aufsteigend abs­trahiert. Wichtig sind die Beziehungen zwischen den Ebenen. Resource Description and Access (RDA) stellt das erste auf FRBR aufbauende Regelwerk dar. RDA betont die Verfügbarmachung eines Mediums als Aufgabe des Kata­logs. Es wird seit 2013 in der Library of Congress und ab 2014 in der Deutschen Nationalbibliothek genutzt. Der Ent­scheid der Schweizerischen Nationalbi­bliothek, RDA einzuführen, ist ebenfalls prinzipiell gefallen (Schweizerische Nationalbibliothek, 2013). Bibframe stellt den Versuch eines Austauschformats dar, welches die Bibliothekskataloge an das Semantic Web anschliesst. Es soll MARC und seine Dialekte ablösen. (Li­brary of Congress, 2012).

Gleichzeitig gibt es in Bibliotheken die Tendenz, Bibliotheksdaten mög­lichst automatisch mit anderen Daten anzureichern. Die Anreicherung mit Coverabbildungen ist heute Standard, genannt werden in der internationalen Diskussion weitergehende Anreiche­rungen, zum Beispiel Reviews, Inter­pretationen, oder Querverbindungen zu anderen Medien. Begründet werden die Anreicherungen regelmässig da­mit, dass die Nutzerinnen und Nutzer diese wünschen, obgleich das nicht im­ mer nachgewiesen wird.

Grundsätzlich kann gesagt werden, dass Fragestellungen im Bezug auf bibliografische Arbeit und Bibliothekska­taloge international einer intensiven Diskussion unterliegen. Sicher ist, dass die Katalogarbeit in zehn Jahren radikal anders aussehen wird. Dabei beziehen einige Einrichtungen oder Einzelperso­nen klare Positionen und bestimmen so die zukünftige Gestaltung der Kata­logarbeit mit. 

Trends und Szenarien

Wer sich in Diskussionen um die Zu­kunft der Katalogarbeit einbringen will, sollte den heutigen Zustand kennen und gleichzeitig Vorstellungen von möglichen und anstrebenswerten Zu­künften haben. Dies ermöglicht, Posi­tionen dazu zu beziehen, was möglich sein soll, was notwendig ist und was verhindert werden muss. In diesem Ab­schnitt wollen wir als Diskussions­ grundlage drei erkennbare Trends als Zukunftsszenarien darstellen.

Kollaborative Katalogisierung

Die aktuell diskutierten Regelwerke und Austauschformate zeigen eine kla­re Tendenz: Es werden Netzwerke von Wissen generiert, in denen einzelne Medien Endpunkte darstellen. Diese Netzwerke entstehen nicht, indem bib­liografische Daten jedes einzelnen Bib­liotheksmediums aufgenommen und anschliessend untereinander verbun­den werden. Vielmehr implizieren die Diskussionen, dass bei Integration in einen Bibliotheksbestand die einzelnen Medien als Item in ein Wissensnetz­ werk eingebunden werden.

Die Pflege dieses Wissensnetz­werks ist als Ergebnis kollaborativer Arbeit möglich: Alle Bibliotheken über­nehmen gemeinsam die Weiterent­wicklung des Netzwerks, ergänzen und updaten die notwendigen Entitäten und vertrauen gleichzeitig darauf, dass die Kolleginnen und Kollegen in den anderen Bibliotheken, im Idealfall auf internationaler Ebene, das Gleiche mit dem gleichen qualitätsbewussten Impetus tun.

Szenario 2021, der Bibliothekar L. der juristi­ schen Bibliothek im Centovalli hat so­ eben die 5. Auflage eines Buches erhal­ten und stellt während seiner Suche innerhalb des Wissensnetzwerks fest, dass er der erste Besitzer der besagten Auflage ist. Mit einem Klick fügt er die Auflage unter die Entität «Manifesta­tion» zur betreffenden Expression hin­zu. In einem weiteren Schritt fügt er das Buch – als Entität «Item» – hinzu. Früher hätte er zeitraubend den bereits katalogisierten Datensatz des Buches als Fremdtiteldaten übernommen, überprüft und seinen Hausregeln an­ gepasst. 

Zentrale Katalogisierung

Die aktuellen Diskussionen beinhalten auch die Möglichkeit, dass ein Grossteil der Katalogarbeit nicht mehr in den einzelnen Bibliotheken, sondern zent­ral stattfindet, bspw. bei den Verbund­ zentralen, Nationalbibliotheken oder zentralen Katalogisierungsstellen. Wenn konkrete Bibliotheksmedien als Item an ein bestehendes Wissensnetz­werk angehängt werden, kann es sich als sinnvoll herausstellen, wenn dieses Wissensnetzwerk von einigen Exper­tinnen und Experten gepflegt wird. Die Bibliotheken hätten weniger Personal­zeit in die Katalogisierung zu investie­ren und könnten sich anderen Aufga­ben widmen. Gleichzeitig würden sich die Expertinnen und Experten, welche das bibliografische Wissensnetzwerk pflegen, intensiver mit den Konsequen­zen von Entscheidungen in Regelwer­ken auseinandersetzen und sich aktiv in Diskussionen über diese einbringen. Für solche Systeme gibt es heute schon in öffentlichen Bibliothekssystemen Vorbilder.

Szenario 2018, die Mitarbeiterin M. der Ver­bundzentrale Gesamtschweiz verbringt ihren Morgen mit der Metadatenerstel­lung auf allen Entitätsebenen eines Pa­kets von Büchern zum rätoromani­schen Schulunterricht und schickt die Bücher anschliessend an die Bibliothe­ken, welche die Bestellung in Auftrag gegeben hatten. Diese können die Me­dien direkt zur Ausleihe verwenden.

Da sie von einer Kollegin des Ver­bunds Ostdeutschland vernommen hat, dass das Sorbische sich ähnlich entwickelt, es aber im Wissensnetz­werk noch keine Verbindung der zwei Kleinsprachen gibt, beschliesst sie, dies auf der nächsten bibliografischen Kon­ferenz zu thematisieren.

Metadata Librarian

Die erkennbare Tendenz, Katalogdaten innerhalb der Bibliothekssysteme mit weiteren Daten anzureichern, wird sich verstärken. Die Frage ist nur, welche Anreicherungen sinnvoll sind. Dies hängt von den verfügbaren Daten, den Möglichkeiten der zukünftigen Biblio­thekssoftware und den Einschätzun­gen der Bibliotheken, was für die Sammlungen sowie die Nutzerinnen und Nutzer sinnvoll ist, ab. Grundsätz­lich wird mit einer steigenden Anzahl der Anreicherungen die Aufgabe an die Bibliotheken übergehen, aus diesen Möglichkeiten zu wählen. Dies könnte die heutige Katalogisierung ersetzen.

Szenario 2035, der Musikbibliothekar D. des In­stituts für Populärmusik in Versoix er­hält eine Sammlung von Stücken des Schweizerischen Kammermusikor­chesters. Für die gespielten Stücke wählt er innerhalb internationaler und regionaler Anreicherungen, z.B. Lexi­konartikel zu Musikstilen, Webportale von Musikfans oder musikwissen­schaftliche Artikel, aus. Dadurch wer­den die Stücke in einen erweiterten Kontext gesetzt, und es wird so ermög­licht, weit über das einzelne Musik­stück hinweg Informationen direkt im Katalog zu finden. Der alte Katalog hingegen beantwortete vor allem die Frage, ob ein Medium vorhanden war.

Fazit

Alle Bibliotheken können sich aktiv in die Gestaltung der Zukunft des Kata­logs und der bibliothekarischen Regel­ werke einbringen. Bislang tun dies aber nur wenige. So brachte sich die Deut­sche Nationalbibliothek engagiert in die Diskussion um FRBR und RDA ein und hinterliess in diesen Spuren euro­päischer Katalogtheorie und ­praxis. Die Schweizerische und Österreichi­sche Nationalbibliothek arbeiten nun mit der Deutschen Nationalbibliothek bei der Umsetzung von RDA zusam­men.

Die Mailinglisten für die Diskus­sionen um Bibframe (bibframe@list­-serv.loc.gov), FRBR (frbr@infoserv.in­ist.fr) oder die RAK­Liste (rak­list@lists.dnb.de) zeigen, dass sich Biblio­thekarinnen und Bibliothekare aus un­terschiedlichsten Einrichtungen tatkräftig daran beteiligen können, die bibliothekarischen Regelwerke, Frameworks und Werkzeuge zu gestalten. Dazu bedarf es eines Wissens darüber, was möglich wäre und was sein sollte. Wir haben drei Szenarien als Input für Diskussionen entworfen. Andere Mei­nungen sind möglich und erwünscht. 

Literatur

  • IFLA Study Group on the Functional Requirements for Bibliographic Records/Function-al Requirements for Bibliographic Records: Final Report. [ohne Ort] : International Federation of Library Associations and Institutions, 2009

  • Library of Congress/Bibliographic Framework as a Web of Data: Linked Data Model and Supporting Services. Washington, D.C.: Library of Congress, 2012

  • Schweizerische Nationalbibliothek / Schweizerische Nationalbibliothek 99. Jahresbericht 2012. Bern: Schweizerische Nationalbibliothek, 2013

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Eliane Blumer

Eliane Blumer ist Lehr- und Forschungsassistentin im Bereich «Information documentaire» an der Haute Ecole de Gestion, Genève. 

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Karsten Schuldt

Dr. Karsten Schuldt (Chur/Berlin) ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Schweize-rischen Institut für Informationswissen-schaft, HTW Chur.

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Dans un proche avenir, le travail de catalogage changera dans les bibliothèques, notamment en raison de la place qu’occuperont les Linked Open Data. Toutes les bibliothèques peuvent s’insérer dans ce processus de changement et y participer activement. Les auteurs décrivent dans cet article trois tendances qui leur semblent particulièrement pertinentes à ce stade, à savoir le catalogage collaboratif, le catalogage central et le metadata librarian, et élaborent pour chacune d’elle un scénario envisageable pour le futur travail des bibliothèques. Ces scénarios devraient surtout permettre de susciter le débat sur les futurs possibles et souhaitables pour les bibliothèques.