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2013/2 Gender Studies und I+D

Welche Bedeutung hat die Geschlechterforschung für den Bereich I & D?

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Die Geschlechterforschung oder Genderstudies erlebte ab den 70er-Jahren einen Aufschwung. Es handelt sich dabei eher um einen Ansatz, ein quer über die Forschungsgebiete gelegtes, interdisziplinäres Raster als um eine eigenständige Forschungsdisziplin. Das Raster wird in erster Linie auf Politik, Gesundheit, Geschichte und Kunst gelegt. Der Ansatz macht aber auch Sinn für den Bereich Information und Dokumentation.

Ein aktuelles Thema ...

Die Fachbücher und wissenschaftlichen Artikel zum Thema Gender haben sich seit den 70er-Jahren vervielfacht. An Universitäten werden schon seit mehreren Jahren Ausbildungsgänge, entweder spezifisch auf Genderstudies ausgerichtet oder kombiniert mit anderen Studienbereichen, angebotenVgl. Broschüre Gender Studies in der Schweiz, 2005 vom Schweizerischen Nationalfonds publiziert. Die Broschüre listet insbesondere Adressen von Zentren und Diensten in Schweizer Universitäten und Fachhochschulen auf, die sich dem Thema Gender Studies widmen; cf. ebenfalls die zum Download bereitgestellten Publikationen auf der Seite des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann: http://www.ebg.admin.ch/dokumentation/index.html?lang=de2 (15.5.2013).. Fachzeitschriften aus den Bereichen Geschichte, Soziologie, Philosophie, Politik, Literatur und Kunst widmen dem Thema DossiersZ.B. Nouvelles perspectives dans les Gender Studies, Diogène 2009/1 (n° 225); Les Gender Studies en question, Le Magazine Littéraire 2005/4 (n°441); Les sciences: un nouveau champ d’investigation pour les Gender Studies, Idées économiques et sociales 2012/1 (n° 167); Le genre en faces. Variations autour de deux paradigmes, Revue européenne des sciences sociales 2011/2; De l’exclusion à la discrimination. Une généalogie historique, philosophique et politique, Revue de l’OFCE 2010/3 (n° 114); A propos du genre: une question de droit, Droit et société 2012/1 (n°80); Denken Frauen anders? Journal für Philosophie - der blaue reiter, 2013/1 (Nr. 33).. Tageszeitungen und auflagenstarke Zeitschriften kommen immer wieder auf das Thema zurück – und heizen manchmal auch die Polemik an.

... das manchmal polemisch daherkommt

Wieso polemisch? Weil es um Gesundheitspolitik, um Wirtschaftspolitik und Bildungspolitik geht und diese Themen ganz eng an die Art und Weise geknüpft sind, wie jemand die Frau, den Mann, die Familie und die Arbeitsteilung sieht. Die Ideologie ist meistens nicht weit weg und mischt sich unweigerlich in die Debatte ein, oft zum Nachteil einer ernsthaften Analyse, auf welche die Gesellschaft doch vertrauen müsste, denn «demokratische Gesellschaften sind auf Wissen angewiesen, um gesellschaftliche Prozesse verantwortungsvoll mitbestimmen und steuern zu können. Dazu müssen sie auch auf die Erkenntnisse der Geschlechterforschung zurückgreifen können» (vgl. Anm. 1).

Wenn man die Definition liest, welche die Universität Genf auf ihrer Website zur Geschlechterforschung liefert1, versteht man besser, wieso das Thema heikel sein kann – so heikel, dass sich manchmal sogar die klügsten Köpfe daran reiben: «Die Geschlechterforschung propagiert eine geschlechtlich differenzierte Lesart der sozialen Welt und der Machtverhältnisse, die sie bestimmen. Die Geschlechterforschung stützt sich in ihrer Analyse auf die Tatsache, dass die sozialen Geschlechterbeziehungen eine zentrale Dimension jeder Gesellschaft darstellen – und damit ein Forschungsbereich sind, der für die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften unumgänglich ist.»

Diese geschlechtlich differenzierte Lesart wird immer auf vielfältige Art und Weise ausgelegt. Wenn man das so sagen darf, gilt für die Geschlechterforschung dasselbe wie für die künstliche Intelligenz: Es existiert eine «reine», «harte», «weiche», oder «praktische» Interpretation, mit anderen Worten: Die Auslegung ist charakterisiert durch einen mehr oder weniger ausgeprägten Radikalismus – einen Radikalismus, der bis zur Militanz gehen kann, wie die Diskussionen um die «Heirat für alle» in Frankreich kürzlich gezeigt haben.

Ein praktischer und positiver Ansatz

Die Beiträge in der voliegenden arbido-Nummer stammen in der Mehrzahl aus dem Bereich des sog. Gender Mainstreamings, d.h., sie thematisieren den Einbezug einer Politik der Gleichheit zwischen Frauen und Männern auf der Basis von spezifisch auf den Bereich Information und Dokumentation (besonders die Bibliotheken) zugeschnittenen Analysen. Sie verweisen damit implizit auf die Erklärung der 4. UN-Weltfrauenkonferenz in Peking, in der es heisst: «In addressing the inequality between men and women in the sharing of power and decision-making at all levels, Governments and other actors should promote an active and visible policy of mainstreaming a gender perspective in all policies and programmes so that before deci- sions are taken, an analysis is made of the effects on women and men, respectively.UN Fourth World Conference on Women, Platform for Action, Women in Power and Decision-Making 189, Peking, September 1995 (www.un.org/womenwatch/daw/beijing/platform/decision.htm) (15.5.2013).»

Die Beiträge wurden verfasst von Forscherinnen/Forschern an Universitäten oder Fachhochschulen und von Berufsfachleuten, die über eine langjährige Erfahrung verfügen und auf das Thema «Gender» – besonders im Hinblick auf «unseren» Bereich – einen nüchternen, objektiven (die zahlreichen statistischen Analysen belegen das) und nützlichen Blick werfen.

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Stéphane Gillioz

rédaction arbido

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