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2013/2 Gender Studies und I+D

Netzwerk Gender Studies Schweiz: interuniversitäre, interdisziplinäre und transdisziplinäre Kooperationen

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Das Netzwerk Gender Studies CH besteht aus einem Verbund an Lehr- und Forschungsinstitutionen im Bereich der Gender Studies, dem die Universitäten Basel, Bern, Fribourg, Genève, Lausanne, Neuchâtel, St. Gallen und Zürich sowie das Institut de hautes études internationales et du développement (IHEID) angehören. Das Ziel des Netzwerks ist es, die Gender Studies an den schweizerischen Universitäten nachhaltig zu institutionalisieren und damit sowohl die Geschlechterforschung als auch die Ausbildung von wissenschaftlichem Nachwuchs auf diesem Gebiet zu sichern.

Das Netzwerk wird seit 2004 vom Bund mittels projektgebundener Beiträge unterstützt. Aktuell partizipiert das Netzwerk Gender Studies am Teilprogramm «Gender Studies» der Schweizerischen Universitätskonferenz (SUK), das wiederum Teil des SUK-Programms P 4 «Chancengleichheit von Mann und Frau an den Universitäten/Gender Studies» ist. Die Laufzeit dieses Programms dauert von 2013–16. In der Hochschullandschaft der Schweiz ist das Netzwerk Gender Studies ein Pioniermodell. Dank kontinuierlicher Auf- und Ausbauarbeit ist es gelungen, auf allen drei Stufen (Bachelor, Master und Doktorat) ein gesamtschweizerisches Lehrangebot zu etablieren. Dieses interuniversitär abgestimmte Studienangebot wird gestärkt durch Lehrkooperationen zwischen verschiedenen Universitäten. Zudem hat das Netzwerk in den Bereichen Nachwuchsförderung und Forschung Angebote entwickelt, die im nationalen und internationalen Vergleich innovativ sind und seit einigen Jahren mit viel Erfolg durchgeführt werden. Zu diesen gehören das Netzwerk der Graduiertenkollegien, die Swiss International Summer School Gender Studies und eine gesamtschweizerische Gastprofessur Gender Studies. Und schliesslich wird das Netzwerk durch den «Gender Campus», eine Informations- und Kommunikationsplattform für Gender Studies und Gleichstellung an Universitäten und Fachhochschulen der Schweiz, unterstützt.

Zwei Elemente des Netzwerks Gender Studies Schweiz, die in der Schweizer Lehr- und Forschungslandschaft besonders herausragen, sollen im Folgenden genauer dargestellt werden: das Konzept der Nachwuchsförderung in Form von Graduiertenkollegien einerseits sowie die Inter- und Transdisziplinarität der Gender Studies in Forschung und Lehre andererseits.

Nachwuchsförderung

Das Netzwerk Gender Studies propagiert seit 2002 das Instrument der Graduiertenkollegien als eine besonders nachhaltige Form der Nachwuchsförderung. Zu einer Zeit, als an den Schweizer Universitäten strukturierte Doktoratsprogramme noch selten waren, entwickelte das unteruniversitäre Netzwerk der Graduiertenkollegien Gender Studies Ausbildungsprogramme für Doktorierende aus allen Disziplinen, in deren Dissertation oder Habilitation das Geschlecht eine zentrale Analyseperspektive darstellt. Das Ziel der Graduiertenkollegien war und ist die Ausbildung von hochqualifiziertem wissenschaftlichem Nachwuchs in der Geschlechterforschung sowie die Förderung von Genderkompetenz im akademischen Feld.

Mittlerweile werden an den meisten Universitäten und in den meisten Disziplinen in der Schweiz Graduiertenkollegien und -schulen angeboten. Die Graduiertenkollegien der Gender Studies sind heute mit wenigen Ausnahmen Teil dieser universitären Strukturen und werden durch die Universitäten und nicht mehr durch die SUK finanziert. Derzeit gibt es Graduiertenkollegien resp. Doktoratsprogramme in Gender Studies an den Universitäten Basel, Bern und Zürich sowie im Rahmen der von der CUSO finanzierten «Programme doctoral études genre», an dem die Universitäten Fribourg, Genf, Lausanne, Neuchâtel und das IHEID beteiligt sind.

Für die optimale wissenschaftliche Förderung der Doktorandinnen und Doktoranden wurden im Rahmen der Graduiertenkollegien resp. der Doktoratsprogramme im Laufe der letzten zehn Jahre besondere Ausbildungsstrukturen entwickelt. Im Zentrum jedes Kollegs steht das Forschungskolloquium. In ihm werden Texte gemeinsam gelesen, Gastvorträge und vor allem die eigenen Forschungsarbeiten präsentiert und diskutiert. Die Kolloquien werden ergänzt durch thematische Vertiefungsangebote in Form von Retraiten, Kernveranstaltungen und Workshops, durch Vernetzungstreffen mit Forschenden und anderen Kollegien im In- und Ausland sowie durch selbst-organisierte Workshops und Tagungen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene. In allen Programmbereichen ist die Mitarbeit der Graduierten zentral. Besonders wichtig ist darüber hinaus, dass die Graduierten eines Kollegs eine Peer-Gruppe bilden, in der sie sich in ihrer Forschungsarbeit und akademischen Vernetzung kontinuierlich wechselseitig begleiten, beraten und unterstützen. Von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aller Kollegien wird die regelmässige Präsentation ihrer Forschungsarbeiten im Rahmen verschiedener Veranstaltungen erwartet, sie müssen zudem eigenverantwortlich Arbeitspläne erstellen und Publikationen und Aktivitäten zur wissenschaftlichen Vernetzung ausweisen.

Eine weitere Besonderheit der Graduiertenkollegien ist die breite Abstützung durch eine interdisziplinär zusammengesetzte akademische Trägerschaft. Die Trägerschaft betreut und berät die Doktorandinnen und Doktoranden inhaltlich bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit sowie bei allgemeinen Fragen zur Projektorganisation und wissenschaftlichen Vernetzung. Diese umfassende Begleitung erfolgt meist aus einer disziplinär erweiterten Perspektive und bildet somit eine anregende und wichtige Ergänzung zum traditionellen Modell der disziplinär ausgerichteten Betreuung durch den Doktorvater oder die Doktormutter.

Alle Doktoratsprogramme im Bereich der Gender Studies sind im Netzwerk Gender Studies vertreten. Das Netzwerk fördert und unterstützt interuniversitäre Lehrkooperationen, die Vernetzung mit internationalen Institutionen sowie die Mobilität von Graduierten innerhalb der Schweiz. Es entwickelt zudem ein gesamtschweizerisches Programm und verschiedene Ausbildungs- und Vertiefungsmodule, die den Teilnehmenden der Graduiertenkollegien im Bereich Gender Studies offen stehen. Ein wichtiges Element dieser Vernetzung ist der jährlich stattfindende «Graduiertentag», an dem sich alle Doktorierenden im Bereich Gender Studies in der Schweiz begegnen und austauschen können.

Die Doktorierenden sind zudem aktiv in die Planung der Swiss International Summer School Gender Studies einbezogen, die alle zwei Jahre an wechselnden Standorten an Schweizer Universitäten stattfinden. Die Summer Schools bieten den Doktorierenden die Möglichkeit, während fünf Tagen konzentriert und fokussiert einen Themenbereich aus der Geschlechterforschung zu vertiefen und dabei eigene Papers zu präsentieren und mit Expertinnen und Experten ihrer Wahl zu diskutieren.

Inter- und Transdisziplinarität

Die Geschlechterforschung ist wissenschaftstheoretisch nicht nur eine junge, sondern auch eine undisziplinierte Disziplin. Seit den ersten akademischen Studiengängen der Frauen- resp. später der Geschlechterforschung in den USA und in Europa Mitte der 1970er-Jahre ist die kritische Auseinandersetzung mit dem traditionellen Wissenschaftsverständnis ein wichtiges Element der Gender Studies, und auch die Kritik am traditionellen Disziplinenbegriff begleitet die Herausbildung der neuen Disziplin der Gender Studies. Es liegt in der Reflexivität der Geschlechterforschung begründet, dass sie die zentralen Unterscheidungen der akademischen Forschung zwischen Theorie und Praxis, Geist und Materie, Natur und Kultur nicht fraglos weitertradieren kann, da gerade diese Unterscheidungen für die historisch diskriminierende Ausprägung gesellschaftlicher Geschlechternormen und -ordnungen zentral war. Die Bestimmung dessen, was Geschlecht historisch bedeutet und wie Geschlechterverhältnisse erzeugt werden, kann nur im kritischen Blick auf vielfältige gesellschaftliche Diskurse und Praktiken rekonstruiert und analysiert werden. Entsprechend entwickelt die Geschlechterforschung eine interdisziplinäre Perspektive, um zu verstehen, wie sich Geschlechterverhältnisse, Geschlechterordnungen und Geschlechternormen in Geschichte und Gegenwart realisieren und reproduzieren. Zugleich ist sie transdisziplinär, insofern sie das traditionelle Bild der Disziplin als einen von der Praxis abgekoppelten Wahrheitsbereich unterläuft.

Diese Kriterien führen dazu, dass sich die Geschlechterforschung nicht als eine von anderen wissenschaftlichen Untersuchungen isolierte Disziplin entwickeln kann. Die Geschlechterforschung ist auf interdisziplinäre Kooperationen und transdisziplinäre Dynamiken angewiesen und darum besonders motiviert für die Ausbildung von Netzwerken. Netzwerke dienen nicht nur der besseren Nutzung knapper Ressourcen in Lehre, Forschung und im Bereich der Nachwuchsförderung, sondern ermöglichen auch die inter- und transdisziplinäre Lehre und Forschung, die für die Geschlechterforschung konstitutiv ist und die nur zustande kommt, wenn Forschende und Lehrende verschiedener Universitäten und Disziplinen in einem sachbezogenen Austausch stehen. Über Jahre hinweg suchten und förderten einzelne Wissenschafterinnen und Wissenschafter wie auch universitäre Gender-Institutionen in der Schweiz diese Zusammenarbeit untereinander, sei es auf lokaler, nationaler oder internationaler Ebene, und sie wurden dabei durch Forschungs- und Kooperationsprogramme unterstützt, die von der SUK oder vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert wurden. Das Netzwerk Gender Studies Schweiz, so wie es sich heute präsentiert, ist das Ergebnis dieser mehrjährigen und erfolgreichen Prozesse.

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Kathrin Meyer

Gesamtkoordination Netzwerk Gender Studies Schweiz 

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Le réseau Etudes Genre en Suisse (www.gendercampus.ch) se compose des Universités de Bâle, Berne, Fribourg, Genève, Lausanne, Neuchâtel, Saint-Gall et Zurich, ainsi que de l’Institut de Hautes études internationales et du développement (IHEID). Ses objectifs sont l’institutionnalisation et la pérennisation des Etudes Genre dans les universités suisses, aussi bien au niveau de la recherche que de la formation de la relève.