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2012/1 Fachportale für Kulturgut

fotoCH – Onlinelexikon und Repertorium der historischen Fotografie in der Schweiz

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Fotografie ist ein Medium, das sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren endgültig zum Kulturgut gemausert hat. Gegenüber der Vermittlung sind die Forschung und die Dokumentation aber empfindlich im Rückstand. Einen wichtigen Beitrag, die Lücken zu schliessen, leistet das Online-Nachschlagewerk fotoCH. Nebst einem Lexikon, das über Fotografinnen und Fotografen zurück bis 1839 Auskunft gibt, beinhaltet fotoCH ein Repertorium der fotografischen Bestände in der Schweiz, das 2012 und 2013 massiven Zuwachs erhalten wird. Als nächster Ausbauschritt ist in Zusammenarbeit mit Bestandeseignern in der ganzen Schweiz ein nationales Bildportal geplant.

Fotobegeisterung vs. Mangel an Übersicht und Dokumentation 

Fotografien haben sich in den letzten Jahren nicht nur als Sammlungsgegenstände und Museumsobjekte etabliert, sie werden auch von Historikern und andern Wissenschaftlern als Quellenmaterial gerne genutzt. Es gibt mittlerweile kaum ein Museum, eine Bibliothek oder ein Archiv, das die Bedeutung des Mediums nicht erkannt hätte und sich im Rahmen seiner Möglichkeiten um die eigenen Bestände zu kümmern beginnt. So breit und fundiert die gegenwärtigen Auseinandersetzungen mit Fotografie anlaufen, mehr als ein Anfang sind sie nicht. Der sprichwörtliche Massen-Charakter des Mediums Fotografie überfordert die meisten Bestandeseigner. Dazu kommt die sensible materielle Beschaffenheit der verschiedenen fotografischen Objekte. Viele Bestände werden unsachgemäss gelagert, sind ungünstigen Einflüssen ausgesetzt oder leiden ihrer chemischen Eigenschaften wegen an schleichendem Zerfall.

Ein weiterer brisanter Punkt ist der selektive Umgang mit dem Medium. Interessieren sich die einen für den ästhetischen Wert, so legen die anderen den Schwerpunkt auf inhaltliche Aspekte. Bedingt durch die verschiedenen sekundären Gebrauchsweisen, die bislang vor allem in der Publikation von Bildbänden und der Produktion von Ausstellungen bestanden haben, weiss man vor allem über die grossen und kanonisierten Persönlichkeiten Bescheid. Die einfachen Atelierfotografen oder die Masse von Reportern hingegen, die für Illustrierte und Zeitschriften tätig waren, bleiben weitgehend unbekannt, nicht anders als Amateure oder Werkfotografen, die im privaten Kreis oder für Unternehmen gearbeitet haben. Aus dieser Perspektive drängt sich eine skeptische Haltung gegenüber der wachsenden Foto-Euphorie auf. Kaum jemand hat einen Überblick zu bieten, weder über das Heer der Fotografinnen und Fotografen, noch über die Standorte der über das ganze Land verstreuten kleinen bis riesigen Bestände und Nachlässe. Eine Lösung, wie diesen Problemen begegnet werden kann, liegt in der Schaffung von Nachschlagewerken, die grundlegende Daten über Urheberinnen und Urheber, über fotografisch tätige Vereine, Körperschaften oder Gruppen und Informationen über Bestände, deren Standort und Beschaffenheit dokumentieren und Fachleuten sowie interessierten Laien rasch und unkompliziert verfügbar machen.

fotoCH – ein Doppelwesen

Diese an und für sich einfache Idee liegt dem Online-Nachschlagewerk fotoCH zugrunde. Aufbauend auf einer gut zehnjährigen Tätigkeit im Bereich der Vermittlung begann das Büro für Fotografiegeschiche Bern 2004 mit einer Dokumentation über Fotografinnen und Fotografen sowie dem Nachweis von Bestandesdaten. In der Art einer Machbarkeitsstudie beschränkte sich das Projekt fotoBE zunächst auf den Kanton Bern. Das Ziel war, beschränkt auf den Kanton möglichst das ganze fotografische Schaffen seit 1839 zu dokumentieren. Für die Bewältigung dieser Vorgabe entstand eine zweifach aufgebaute Struktur von Lexikon und Repertorium. Das Lexikon sollte die Gesamtheit der Fotografinnen und Fotografen verzeichnen, das Repertorium die im Kanton Bern vorhandenen Bestände in öffentlichen oder öffentlich zugänglichen Institutionen oder Archiven.

Als Standards dienten Nachschlagewerke, wie sie für die Schweiz in anderen Sachgebieten schon länger existieren respektive seit einiger Zeit auch online konsultiert werden können. Für das Lexikon waren die Vorbilder das «Schweizerische Künstlerlexikon» und das «Historische Lexikon der Schweiz». Das Repertorium wurde in Anlehnung an das mittlerweile sistierte «Repertorium der handschriftlichen Nachlässe in den Bibliotheken und Archiven der Schweiz» konzipiert.

Wissenschaftliche Standards – Nachweisbarkeit der Daten 

fotoCH verfolgt einen wissenschaftlichen Anspruch. Garant dafür ist die Nachweisbarkeit der verwendeten Daten. Stammen diese aus publizierter Literatur, so ist diese in Form einer Liste in den Einträgen der Fotografinnen und Fotografen wiedergegeben, aufgeteilt in Primär- und Sekundärliteratur. Fehlen literarische Belege, beruhen die Einträge auf Recherchen des Fotobüros Bern oder auf verlässlichen Angaben anderer Forscher und Institutionen, insbesondere auch solcher, die Bestände der betreffenden Personen besitzen. Ein Grossteil der Biografien lebender oder erst kürzlich verstorbener Fotografen und Fotografinnen beruht auf Interviews, die entweder mit ihnen persönlich oder mit Nachkommen geführt wurden.

Nebst den Bibliografien sind die Ausstellungslisten ein wichtiger Bestandteil der Fotografeneinträge. Während die Literaturangaben samt und sonders überprüft werden, so ist die Kontrolle von Ausstellungsbeteiligungen jedoch schwieriger. Fehlen gesicherte Daten, ist man auf Angaben der Fotografinnen und Fotografen sowie Dritter angewiesen. Erfahrungsgemäss sind diese jedoch uneinheitlich und manchmal auch lückenhaft.

Die Verzeichnung von fotografischen Beständen 

fotoBE, das Pilotprojekt von fotoCH, ging, was die Verzeichnung von fotografischen Beständen betrifft, noch von der Möglichkeit eines Inventars aus. Rasch zeigte sich aber, dass ein solches weder realisierbar noch wünschenswert war. Eine gesamtschweizerische Verzeichnung mit detaillierten Angaben über Menge, Art der Fotografien, vertretene Autorinnen und Autoren erwies sich als unmöglich. Die wenigsten der Institutionen, die Fotos beherbergen, wissen über ihre Bestände genau Bescheid, sei es nun aus Mangel an fachlicher Kompetenz oder Zeit. Die Identifikation von Techniken ist ein heikles Unterfangen, umso mehr, als Bestandeseigner oft vor den immensen Mengen kapitulieren oder nicht die finanziellen Mittel für das nötige qualifizierte Personal haben. Ein gravierender Punkt war schliesslich auch, dass Inventare in die Eigentumssphäre der Bestandeseigner eingreifen. Manche unter ihnen ziehen es vor, genaue Informationen nur auf Anfrage und vor Ort zu erteilen.

Als Lösung bot sich dagegen die Schaffung eines Repertoriums an. Für die Schweiz gab es im Archivwesen während Jahrzehnten das «Repertorium der handschriftlichen Nachlässe», das als Muster diente. Zu den elementaren Kontaktdaten der Institutionen kommen auf fotoCH minimale, aber verifizierte Informationen über die Bestände. Wenn möglich, werden die fotografischen Bildgattungen angegeben. Mehrheitlich werden auch die Mengen verzeichnet, sei dies nun gemäss archivarischer Usanz in Laufmetern oder in Zahlenform, mit dem Zusatz ob es sich um eine geschätzte oder eine genaue Angabe handelt. In diesem Sinn will das Repertorium weniger genaue Abklärungen liefern, sondern Möglichkeiten aufzeigen, wo weiter nachgeforscht werden kann. In den meisten Fällen ist die Recherche vor Ort ohnehin unumgänglich.

Stand der Dinge

Ende 2011, nach sieben Jahren Laufzeit, sind die Resultate von fotoCH zufriedenstellend. Im Lexikon figurieren 12 000 Fotografinnen und Fotografen. Davon sind knapp 6000 überprüft und für das Publikum freigeschaltet. Die Literaturliste umfasst 8800 und die Ausstellungsliste 6200 Einträge. Letztere ist seit dem letzten Programmierungsschritt für die Recherche zugänglich. Für etwa 10% der Personeneinträge sind die Biografien verfasst. Bei den anderen beschränkten sich die verfügbaren Daten auf den Kerneintrag, einen Bestandesnachweis oder auch nur eine bibliografische Notiz. Im Repertorium sind gegenwärtig die Bestandesdaten von 64 Institutionen konsultierbar, darunter nationale Archive und Museen.

Seit März 2011 verfügt fotoCH auch über eine Besucherstatistik, die über die Zahl der Besuche und die ungefähre Art der Abfragen Aufschluss gibt. Im Durchschnitt haben seither monatlich 11 600 Personen das Nachschlagewerk konsultiert und dabei – ebenfalls pro Monat – 24 400 Seiten angeklickt.

Perspektiven

fotoCH ist zwar als Projekt zu verstehen. Ein endgültiger Abschluss ist aber kaum zu definieren. Bei den Fotografinnen und Fotografen scheint mit den 12 000 verzeichneten Persönlichkeiten eine Liste erreicht, die für das 19. und das 20. Jahrhundert nicht mehr gross wachsen wird. Die aktuelle Fotoszene wird aber zweifelsohne weiter bestehen und auch noch in fünfzig Jahren neue Fotoschaffende präsentieren. Als mittelfristiges Teilziel steht im Lexikon die Vervollständigung der Biografien im Vordergrund. Der Hauptfokus in den nächsten Jahren wird jedoch in zwei anderen Bereichen liegen. Zum einen steht ein markanter Ausbau des Repertoriums an, zum anderen ist geplant, dem Lexikon und dem Repertorium ein Bildportal anzugliedern.

Der zu erwartende Datenzuwachs im Repertorium basiert auf der Zusammenarbeit mit zwei wichtigen nationalen Trägerschaften, einerseits dem Verein Memoriav, andererseits der Schweizerischen Ethnologischen Gesellschaft (SEG). Im vergangenen Jahr hat das Fotobüro Bern die Daten aus der sogenannten Foto-Enquête, die Memoriav zwischen 1998 und 2002 durchführte, ins Repertorium übernommen und wird diese im Kontakt mit den Bestandeseignern in den kommenden Jahren bis Ende 2013 überprüfen und aktualisieren. Die Kooperation und das Einverständnis der Beteiligten vorausgesetzt, werden in Zukunft schweizweit über 500 Institutionen mit gegen 3000 fotografischen Beständen auf fotoCH verzeichnet sein. Die Zusammenarbeit mit der SEG zielt auf die Integration der Informationen über aussereuropäische fotografische Bestände, die im Pionierwerk «L‘objectif subjectif» von 1997 enthalten sind.

Pilotprojekt Bildportal

Die Wiedergabe von Bildern auf fotoCH war bisher kein Thema. Erfahrungsgemäss verursachen die Bildrecherche und -beschaffung sowie die Eruierung der Rechtssituation einen erheblichen Zeitaufwand, den das Fotobüro nicht imstande war zu leisten.

Mittlerweile hat sich die Situation in der Fotoszene stark gewandelt. Viele Eigner von fotografischen Beständen lassen Fotografien digitalisieren und veröffentlichen diese im Internet. Von der Anlage und der Konzeption bietet es sich geradezu an, dass fotoCH in diesem Bereich eine Portalfunktion übernimmt. Wie eine Machbarkeitsstudie ergeben hat, wären die technischen Probleme eines solchen Projekts durchaus lösbar. Umgekehrt ist offensichtlich, dass eine zentrale Abfragestelle für historische Fotografien die Recherche für Fachleute und interessierte Laien massiv erleichtern würde. Das Fotobüro ist nun daran, ein Pilotprojekt zu lancieren. Die Partner, die sich daran beteiligen, sind ausgewählte Archive, Bibliotheken und Museen aus der deutschen und der französischen Schweiz sowie ein halbkommerzieller Bildanbieter.

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Markus Schürpf

Büro für Fotografiegeschichte

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La photographie est un médium qui, ces dix à vingt dernières années, s’est définitivement mué en un bien culturel. Si on les compare à la diffusion de ce bien, force est toutefois de constater que la recherche et la documentation ont pris passablement de retard dans ce domaine. L’ouvrage online photoCH représente une contribution importante, qui vient combler une lacune. Outre un lexique biographique des photographes, photoCH propose également un annuaire des institutions possédant des archives et fonds photographiques en Suisse, annuaire qui sera étoffé en 2012 et 2013 en collaboration avec l’association Memoriav et la Société Suisse d’Ethnologie (SSE). Est également prévu par la suite la création d’un portail national en collaboration avec les propriétaires de fonds photographiques de toute la Suisse.