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2010/4 ABD Stellen und Katastrophen

Schädlinge in Bibliotheken und Archiven

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Organische Materialien und Werkstoffe werden häufig durch abiotische und bio­tische Vorgänge geschädigt. Bücher und Archivalien sind davon nicht ausgenom­men, was einer sich langsam ausweiten­ den Katastrophe entspricht. Am häufigs­ten werden sie auf biotischem Wege durch tierische oder pilzliche Schädlinge angegriffen. Im Folgenden zeigen die Autorinnen auf, welche Schutz­ so­ wie Bekämpfungsmassnahmen möglich sind, und stellen SiLK vor, den Sicher­heitsleitfaden Kultur, welcher im Auftrag der Konferenz Nationaler Kultureinrich­tungen im Entstehen ist.

1 Schädlingsbefall

1.1 Übertragungswege und Verbreitung der Schädlinge

Schadorganismen, wie Insekten und Pilzsporen, gelangen mit der Aussenluft, dem Personal und den Benutzern in die Lesesäle, Magazine, Depots und Restaurierungswerkstätten. Flugfähige Insekten können von dicht am Gebäude stehenden Bäumen durch offene Fenster ins Innere gelangen. Auch Vogelnester (besonders von Tauben und Sperlingen) an Häusern können eine Eintragsquelle für Schadorganismen bedeuten.

Die Verbreitung der Schadorganismen in davon befallenen Gebäuden, zum Beispiel von Schimmelpilzen, wird begünstigt durch Bau- und Nutzungsmängel. Viele Probleme entstehen durch fehlerhaft geplante und betriebene Heizungs- und Klimaanlagen, oft auch als Folge falscher Vorgaben seitens des Nutzers, aber sehr häufig wegen mangelhafter Wartung. Relative Luftfeuchte über 65% fördert das Auftreten von Insekten und Schimmelpilzen. Liegt zusätzlich die Raumlufttemperatur unter 16 °C, ist häufig Schimmelpilzbefall die Folge.

1.2 Monitoring von Schädlingsbefall

Die Schädlinge an organischen Materialien leben oft im Verborgenen. Aus diesem Grund sollten alle Gegenstände in regelmässigen Abständen untersucht werden.

Besteht der Verdacht auf einen Befall von Objekten durch Schadinsekten, sollte man zunächst die nähere Umgebung bzw. den Raum, in dem sich die Objekte befinden, absuchen und gefundene Insekten bestimmen lassen. Durch Auszählen der gefangenen Tiere lässt sich die Stärke des Befalls abschätzen, an den sich abzeichnenden Schadbildern, vorhandenen Kotballen, Gespinsten, Larven- und Puppenhüllen die jeweilige Art erkennen. Sehr hilfreich für die Ortung von Schadinsekten in Räumen sind Pheromon(Lockstoff )- Fallen. Frass- und Bewegungsgeräusche können durch so genannte Acoustic-Emission-Geräte (AE-Geräte) aufgefangen, verstärkt und somit ermittelt werden.

Vermutet man an Büchern und Archivalien oder in einem Raum Schimmelpilze, so gibt es die Möglichkeit, diese durch eine mikroskopische Analyse nachzuweisen und zu identifizieren. An Objekten können Schimmelpilze mit Abklatschpräparaten und anschliessender Kultivierung bestimmt werden. Scheint der ganze Raum von Schimmelpilzen befallen zu sein, erhält man durch Herausfiltern und Kultivieren von Sporen aus der Raumluft und gleichzeitige Beprobung der Aussenluft Auskunft über die Belastung durch Schimmelpilze.

1.3 Prophylaktische Schutzmassnahmen

Ein Befall einer Sammlung durch Schadinsekten kann durch vorbeugende Massnahmen verhindert werden. Gezielte bauliche und konstruktive Massnahmen (Fenster mit insektendichter Edelstahldraht-Gaze) reduzieren das Eindringen von Schadinsekten. Besonders gefährdete Objekte sollten in insektendichten Vitrinen und Sammlungsschränken oder in verschweissten Folienbeuteln aufbewahrt werden. Vermehrung und Ausbreitung vieler Insektenarten wird durch ein konstantes Raumklima, Sauberkeit in diesen Räumen und Arbeitsplatzhygiene verhindert.

Wichtig ist, dass die Objekte im Magazin übersichtlich gelagert sind und hinsichtlich eines Befalls regelmässig kontrolliert werden. Bei Sammlungsschränken empfiehlt sich ein jährliches Aussaugen und feuchtes Auswischen, um alles zu entfernen, was den Schädlingen als Nahrung dienen könnte. Neuzugänge sollten, bevor sie in den Sammlungsbestand aufgenommen werden, genauestens auf einen eventuellen Insekten- und Pilzbefall untersucht werden.

Luftbefeuchter sind in definierten Abständen zu reinigen, damit sich keine Schimmelpilze und Bakterien in den Anlagen und Geräten ansiedeln.

1.4 Schädlingsbekämpfung

Wurde ein Schädlingsbefall nachgewiesen, sollten Restauratoren verantwortungsvoll die für das Objekt und den Raum geeignete Methode aussuchen.

Bei der Bekämpfung von Insekten sind physikalische Verfahren aus toxikologischer und ökologischer Sicht besser geeignet als flüssige chemische Mittel, mit denen die Objekte bestrichen oder besprüht werden. Damit Veränderungen an den Objekten ausgeschlossen werden, sollten bei Anwendung von Kälte, Wärme und Mikrowellen sowohl die Thermotoleranz der verschiedenen Materialien als auch die für die einzelnen Insektenarten und ihre Entwicklungsstadien erforderlichen Letaltemperaturen genau bekannt sein.

Luft besteht zu etwa 78 Vol.-% aus Stickstoff, 21 Vol.-% Sauerstoff, 0,9 Vol.-% Edelgasen (vor allem Argon) und 0,03 Vol.-% Kohlendioxid. Wenn diese Zusammensetzung der normalen Atmosphäre verändert und der Sauerstoffgehalt hinreichend stark reduziert wird, können Insekten nicht überleben. Eine Bekämpfung, die hierauf beruht, muss die Toxizität des verwendeten Gases, die Einwirkdauer und die Temperatur und relative Feuchte berücksichtigen. Die einzelnen Insektenarten und ihre Entwicklungsstadien erfordern unterschiedlich lange Behandlungszeiten.

Die Begasungsdauer lässt sich wesentlich verkürzen, wenn mit reaktiven Gasen in geschlossenen Anlagen gearbeitet wird. Die reaktiven Gase sind jedoch hochtoxisch und greifen unter bestimmten Bedingungen, z.B. bei hoher relativer Feuchte, verschiedene Materialien an und gasen oftmals nur langsam wieder aus.

Zur Bekämpfung von Schadinsekten werden hauptsächlich noch Pyrethrumextrakte, synthetische Pyrethroide sowie Phosphorsäureester eingesetzt; vielfach werden sie miteinander kombiniert. Es können auch Präparate mit neuen Wirkprinzipien verwendet werden, wie Chitinsynthesehemmer (Flufenoxuron) oder Juvenilhormonanaloge (Fenoxycarb).

Feuchte, von Schimmelpilz befallene Bücher und Archivalien werden zunächst in einen Schmutzbereich (Schwarzraum) gebracht und getrocknet. Von dort gelangen sie in den Reinigungsraum. Die sanierten Objekte werden anschliessend in einen sauberen Bereich (Weissraum) überführt. Der Bearbeiter der Objekte sollte mit Schutzkleidung, Atemschutz (Impfmaske), Haarschutz und Einweghandschuhen ausgerüstet sein, denn es dürfen keine Keime vom Schwarzbereich in den Weissbereich verschleppt werden.

Während tiefe Temperaturen lediglich eine wachstumshemmende Wirkung auf Schimmelpilze ausüben, können Temperaturen über 40 °C die Hyphen abtöten. Von Nachteil ist, dass empfindliche Objekte, zum Beispiel Pergamentrollen und Bücher, beim Austrocknen unter Umständen die Formstabilität verlieren. Erst bei Temperaturen über 80 °C werden die Sporen nach längerer Einwirkzeit abgetötet.

Mit Hilfe von Gammastrahlen können sowohl Pilzhyphen und -mycel als auch Pilzsporen sicher abgetötet werden. Die Methode ist für kleinere Objekte aus Holz oder Leder und für Bücher geeignet.

Die Sterilisation von mit Schimmelpilz befallenem Material mit reaktiven Begasungsmitteln wird von vielen Restauratoren recht kritisch gesehen. Beispielsweise ist in Papier, wenn es Feuchtigkeit und Salze enthält, bei einer Begasung mit Ethylenoxid die Bildung von Ethylenchlorhydrin möglich. Ebenso konnten bei Pflanzenfarbstoffen deutliche Veränderungen der Farbe festgestellt werden.

Mit Schimmelpilzen bewachsene Objekte können mit 70%igem Ethanol bzw. Isopropanol gereinigt bzw. desinfiziert werden. Handelsübliche Reinigungs- und Desinfektionsmittel enthalten häufig wasserlösliche Alkylammoniumverbindungen (AAC), die in geringer Konzentration fungistatisch und in höherer Konzentration fungizid wirken.

Vor der Verwendung antimikrobieller Hilfsmittel ist zu prüfen, ob sie von den zu behandelnden Materialien «vertragen» werden – dies gilt auch für Bücher – und ob diese nicht eventuell durch die enthaltenen Alkohole an- oder aufgelöst werden. Der Einsatz von Bioziden ist nur dann legitim, wenn alle anderen Methoden nicht infrage kommen oder im speziellen Fall versagen würden.

2 Gefahrenanalyse mit dem neuen Sicherheitsleitfaden Kulturgut – SiLK 

Abschliessend soll ein neues Angebot für den Kulturbereich vorgestellt werden: SiLK – Sicherheitsleitfaden Kulturgut. SiLK ermöglicht, eine Evaluation der spezifischen Bedrohungen – etwa durch Schädlinge – durchzuführen.

Im Auftrag der Konferenz Nationaler Kultureinrichtungen, ein Zusammenschluss von 23 Kultureinrichtungen – Museen, Archive und Bibliotheken – aus den ostdeutschen Bundesländern, entsteht seit dem Jahr 2008 der digitale Sicherheitsleitfaden für Kulturgut, der allen Institutionen kostenfrei zur Verfügung steht. Seit April 2010 ist SiLK unter der Adresse http://www.konferenz-kultur.de...  online.

Ziel der Initiative ist es, mögliche Gefahren bewusst zu machen und die Sicherheit und damit den langfristigen Erhalt der Sammlungen und Bauwerke zu gewährleisten. Um dies zu erreichen, werden den Einrichtungen Fachwissen und Erfahrungen zugänglich gemacht, die eine grundsätzliche Sensibilisierung für Sicherheitsbelange in den Institutionen bewirken sollen. Dabei richtet sich SiLK besonders an kleine und mittlere Einrichtungen ohne spezialisierte Mitarbeiter für den Sicherheitsbereich.

Zusammen mit Experten wurden bisher sieben Sicherheitsthemen bearbeitet. Dazu gehört nicht nur das Thema Schädlinge, sondern auch Brand, Flut, Diebstahl, Licht, Schadstoffe und Allgemeines Sicherheitsmanagement. Ende des Jahres 2011 werden sieben weitere Themen – Klima, Abnutzung, Erdbeben, Gewalttaten, Unwetter, Vandalismus und Havarien/Unfälle – hinzukommen.

Jedes Thema ist in drei Teile untergliedert: eine ausführliche Einführung, einen Fragebogen sowie einen Wissenspool, in dem Fachpublikationen und Links zu finden sind. Den Kern jeden Themas bildet der Fragebogen. Er beinhaltet je nach Thema zwischen 14 und 30 Fragen und mehrere Antwortmöglichkeiten. Wurden alle Fragen beantwortet, erfolgt die Auswertung, die sich der Nutzer als PDF speichern und ausdrucken kann. Sie erfolgt in Form des Ampelprinzips: Bei Grün ist alles in Ordnung, die Farben Gelb und Rot zeigen Probleme an. Die Auswertung liefert Informationen zum Ist-Zustand aller relevanten Gefahrenbereiche, zeigt mögliche Risiken auf und benennt Handlungsempfehlungen, gegebenenfalls auch weiterführende Tipps oder Links.

Der Fragebogen zum Thema Schädlinge umfasst 30 thematisch geordnete Fragen aus unterschiedlichen Bereichen der Praxis wie Bestandspflege, Raumschutz, Gebäudehülle oder Mitarbeiterschulung. Zu einigen Fragen erhält man auf Wunsch durch einen Klick nähere Erläuterungen, die wiederum Links mit zusätzlichen Informationen beinhalten, z.B. eine Tabelle, die Aufschluss darüber gibt, welche Schimmelpilze an welchen Materialien zu finden sind. Verweise und Literaturhinweise runden den Fragebogen ab. Die digitale Form bietet den Vorteil, Verknüpfungen herzustellen. So kann das Thema Sicherheit in seiner ganzen Komplexität abgebildet werden.

Die Auswertung des Fragebogens soll jedoch nicht den Fachmann ersetzen. An entsprechenden Stellen wird darauf hingewiesen, wann ein Experte hinzuzuziehen ist. SiLK ist ein Instrument zur aktiven Risikominimierung und soll als umfassendes Nachschlagewerk und Informationsquelle zu sämtlichen Fragen der Sicherheit für Museen, Bibliotheken und Archive dienen.

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Wibke Unger

Professorin für Holzbiologie und Integrierten Holzschutz an der Fachhochschule Eberswalde

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Katrin Schöne

u.a. im Projekt «Sicherheit und Katastrophen­schutz für Museen, Bibliotheken und Archive» der Konferenz Nationaler Kulturein­ richtungen tätig 

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*Pflichtfeld

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Wibke Unger, spécialiste de la biologie du bois et professeur à la Fachhochschule Ebers­ walde, ainsi que le Dr Katrin Schöne, impliquée notamment dans le projet «Sécurité et protection contre les catastrophes pour les musées, les bibliothèques et les archives» de la Conférence nationale des installations culturelles, expliquent dans cet article que les matières organiques sont souvent endommagées par des processus abiotiques et biotiques. Les livres et les archives ne font pas exception ici, ce qui peut se traduire par une catastrophe lente qui ne produit tous ses effets qu’à long terme. Le plus souvent, ce sont des processus biotiques générés par des parasites animaux et/ou fongiques qui provoquent des dégâts. L’article montre quelles sont les mesures de protection et de lutte envisageables dans ce contexte et présente SiLK, un guide spécifique élaboré à la demande de la conférence nationale des installations culturelles.