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2010/4 ABD Stellen und Katastrophen

Geschichte in der Werkstatt: neue archivpädagogische Angebote zum Thema Konservieren und Restaurieren von Kulturgut

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Ziel archivpädagogischer Arbeit ist es in erster Linie, Schülerinnen und Schüler an die Arbeit mit Quellen heranzufüh­ren, sie zu eigenem Forschen zu motivie­ren und ihnen zu erklären, was Archive sind und wie man dort Informationen findet. Es gilt, die Bedeutung von Archi­ven als diejenigen Stätten zu vermitteln, in denen einerseits das Rohmaterial zu finden ist, aus dem wir unsere Geschich­te konstruieren, und andererseits das Material gelagert ist, mit dem Ge­schichtsbilder immer wieder auf die Pro­be und in Frage gestellt werden können. Der Einsturz des Historischen Archivs hat die Vermittlung der Archivpädagogik in Köln verändert.

Den geradezu obligatorischen Einstieg bildet die klassische Archivführung, die ins Magazin und oft auch zu einer kleinen «Stippvisite» in die Restaurierungswerkstatt führt. In der Regel stösst der Werkstattbetrieb bei den Besucherinnen und Besuchern auf sehr grosses Interesse, er bleibt aber eher eine Zugabe des Besuchs, ebenso wie auch der Hinweis auf die Löschanlage, auf die Beschaffenheit von Archivkartons und Regalen oder den Temperatur- und Feuchtigkeitsschreiber.

Mit dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln am 3. März 2009 war die gewohnte Form der Bildungsarbeit unmöglich geworden. An die Stelle des eigenen Magazins war für das unordentlich gewordene, mehr oder weniger beschädigte, zuweilen nur noch in Flocken geborgene Archivgut die Asylunterbringung in 19 Archiven zwischen Schleswig und Freiburg getreten. Würde im Kölner Stadtarchiv Archivpädagogik in naher Zukunft überhaupt wieder einen Platz haben? Bald war jedoch klar, dass das Stadtarchiv für den Wiederaufbau über eine grosse Restaurierungswerkstatt verfügen würde. Mit diesem Pfund würde es auch in der Bildungsarbeit zu wuchern gelten. Für Jugendliche wird ein wichtiger Weg ins Historische Archiv der Stadt Köln in Zukunft durch die Werkstatt führen.

Wettbewerb «Archiv und Jugend»

Durch das Kölner Unglück erhielt auch die, bereits durch den Brand der Anna Amalia Bibliothek in Gang gekommene, über die Fachwelt hinausreichende Sensibilisierung für das Thema Kulturgüterschutz und Restaurierung einen neuen Schub.

Das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen und das Historische Archiv der Stadt Köln entschieden sich vor diesem Hintergrund, das Thema in einem gemeinsamen Projekt im Rahmen des Wettbewerbs «Archiv und Jugend» aufzugreifen. (Seit 2007 werden in diesem von der nordrhein-westfälischen Landesregierung in Kooperation mit den Landschaftsverbänden Rheinland und Westfalen-Lippe ausgeschriebenen Wettbewerb archivpädagogische Projekte gefördert, um bei Kindern und Jugendlichen Interesse für die Aufgaben von Archiven zu wecken und das Verständnis für archivarische Arbeitsweisen zu fördern.) Die Leitung des Gemeinschaftsprojekts lag beim Technischen Zentrum des Landesarchivs in Münster-Coerde.

Das interdisziplinär aus Archivaren, Restauratoren und Archivpädagogen bestehende Projektteam entwickelte insgesamt acht Module für Lerngruppen von Jugendlichen ab zwölf Jahren. Bei alldem steht die Materialität von Archivquellen und damit ihre Verletzlichkeit im Vordergrund:

Wo lauern Gefahren und Feinde der historischen Originale, welche in den Archiven aufbewahrt werden? Was muss getan werden, um Schriftstücke, Fotos und Filme aus vergangenen Zeiten dauerhaft zu erhalten, zu schützen und ihre Zugänglichkeit zu gewährleisten? Wer ist im Archiv dafür zuständig?

Der Ausschreibung des Wettbewerbs entsprechend wurden die Module nicht in erster Linie für Archivbesuche im Rahmen des schulischen Unterrichts konzipiert. Vielmehr richtet sich das Angebot auch und gerade an freiwillige Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag und an Jugendgruppen. Dennoch wurde darauf geachtet, dass sie sich dem für die einzelnen Jahrgangsstufen geforderten Kompetenzerwerb zuordnen lassen.

Alle Module wurden vom Projektteam mit Jugendlichen erprobt und von ihnen evaluiert.

Die neu erarbeiteten Module

Drei der Module thematisieren die Schadensgeschichten bestimmter Archive, verstehen sich jedoch gerade darin als Anregung zur Adaptation durch andere Häuser:

An das Historische Archiv der Stadt Köln gebunden ist das Modul «Der Archiveinsturz in Köln». Die Teilnehmer bearbeiten den Inhalt einer «Bergungskiste», also einer Verpackungseinheit des Kölner Archivguts, exemplarisch mit der eigens für die Identifikation, Schadensklassifizierung der Bergungseinheiten und die virtuelle Bestandszusammenführung entwickelten Software. Auf diese Weise lernen sie auch die mit dieser Software verlinkten Findmittel des Archivs kennen und erhalten aus diesem ungewöhnlichen Blickwinkel einen Einblick in die Fülle und Bandbreite der Bestände des grossen kommunalen Archivs, aber auch in die archivarischen Ordnungsprinzipien. Daraus entwickelt sich im Anschluss die Frage nach rechnergestützten Verfahren der Identifikation von Schriftstücken (Beispiel Stasi-Akten). Bei dem grossen Interesse, das viele Jugendliche den Fragestellungen der Informatik entgegenbringen, ist dies ein Bereich, der, wie das gesamte Modul, eine ganz andere Zielgruppe erreichen kann als diejenigen Jugendlichen, die ein primäres Interesse an Geschichte haben.

Im ebenfalls auf das Kölner Stadtarchiv zugeschnittenen Modul «Lebenslauf einer Akte» können die Teilnehmer den Werdegang und das Schicksal der durch den Einsturz beschädigten Personalakten nachvollziehen und selbst Konzepte für die Restaurierung der Stücke entwickeln. Bei der Praxiserprobung werden durch die kursorische inhaltliche Bearbeitung der Akten das Leben und die Berufswelt städtischer Arbeiter des frühen 20. Jahrhunderts sehr lebendig, und dadurch wird exemplarisch deutlich, dass Archivalien immer auf Menschen verweisen. Es eröffnen sich Frageperspektiven in ganz unterschiedliche Richtungen: Seit wann gibt es Schreibmaschinen? Warum gibt es überhaupt Personalakten? Warum dürfen wir einige Blätter der Akte nicht ansehen? Warum werden sie aufbewahrt? Wie viel Urlaub bekam ein «Hilfsbremser» im Jahr 1920?

Sehr schnell werden die durch den Amtsgebrauch und die natürliche Papieralterung hervorgerufenen Schäden von den einsturzbedingten unterschieden. Es wird evident, dass die unterschiedlichen Schäden an einer Archivalie Geschichten erzählen. Diese dürfen folglich nicht einfach «wegrestauriert» werden.

Mit ihren Fragen, Ideen und Hypothesen wenden sich die Teilnehmer in Experteninterviews an Archivare und Restauratoren, um anschliessend einige Restaurierungstechniken selbst auszuprobieren.

Die beiden Kölner Module konnten bisher nur mit kleinen Gruppen und in sehr reduzierter Form erprobt werden. Doch bereits jetzt wartet eine Reihe von Interessenten darauf, dass die Restaurierungswerkstatt im kommenden Frühjahr eröffnet wird. Das Modul «Kahnakten» beschäftigt sich mit einem Konvolut Archivalien aus dem Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, welches gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zur Evakuierung an einen sicheren Standort auf ein Schiff verladen wurde und dort durch die Kriegsereignisse überrascht nach einer langen Odyssee über verschiedene Wasserstrassen schliesslich mit dem «Kahn» verbrannte und versank. Was dieses Modul so spannend macht, ist zum einen die Autopsie eines heute noch verblockten Aktenstücks, das ganz plastisch von seinem Schicksal «erzählt», zum anderen das Nachvollziehen der Irrfahrt anhand der Archivquellen zur Auslagerung der Bestände und zur Schicksalsklärung in der Nachkriegszeit.

Damit verzahnt das Modul die klassische inhaltliche Arbeit mit Archivquellen zum Themenbereich des Zweiten Weltkriegs und mit der anschaulichen Darstellung der Zerstörung von Kulturgut in kriegerischen Auseinandersetzungen.

Eine Aktualisierung, in der auch die planmässige Zerstörung von Archiven als Mittel zur Zerstörung kultureller Identitäten von Menschen angesprochen wird, kann sich an dieses Modul anschliessen, ebenso natürlich das Experimentieren in der Werkstatt.

Mit Papier und Tinte dem Mittelalter auf die Spur kommen 

Zwei der Module beschäftigen sich mit Schreib- und Beschreibstoffen.

Hier geht es um endogene Schäden, die dem Archivgut im Alltag abseits grosser Schadensereignisse durch Papieralterung oder durch Tintenfrass drohen. Im digitalen Zeitalter, in dem das Erlernen der Schreibschrift in der Schule in Frage gestellt wird und die Bindung der Schriftlichkeit an die materiellen Substrate Papier und Tinte weitgehend verloren gegangen ist, leisten diese Module wertvolle Basisarbeit zur Geschichte von Schriftlichkeit. Die eigene Herstellung von Papier oder Eisengallustinte aus Galläpfeln begeistert auch Jugendliche, die sich eher für Naturwissenschaften als für Geschichte interessieren. Die beiden Module lassen sich auch für andere Kontexte adaptieren, zumal die Kalligraphie gerade im Trend zu liegen scheint, und sie lassen sich auch ausserhalb des Archivs durchführen.

Speziell für diese Module ist aber auch die Einfügung in naturwissenschaftliche Lernkontexte naheliegend.

Mittelalterliche Urkunden mit gleichmässigen Einschnitten sind eine Herausforderung für junge Detektive im Modul «Urkunden auf dem Prüfstand». In Gestalt von Repertorien lernen sie Werkzeuge kennen, um diesen Erscheinungen auf die Spur zu kommen. Schnell sind die Parallelen zu den Löchern in einem ungültig gemachten Personalausweis oder Sparbuch erkannt, und es ist einleuchtend, dass solche Schäden natürlich nicht «behoben» werden dürfen.

Die Frage, warum solche schon lange ungültigen Urkunden dennoch aufbewahrt wurden und werden, führt unmittelbar zur Reflexion über die verschiedenen Aufgaben von Archiven.

Schaden verursachen und Originale schützen 

Wenn im Modul «Schäden herbeiführen und beheben – ein Experiment» ein fiktiver Archivbestand angezündet und gelöscht und durch das Überfahren mit einem Transporter die Belastbarkeit unterschiedlich befüllter und beschaffener Archivkartons getestet wird, so erfordert dies nicht nur die nötigen räumlichen Voraussetzungen für eine solche Versuchsanordnung, sondern auch die Bereitschaft des betreuenden Archivs, sich auf ganz neue und unkonventionelle Wege und Methoden der Archivpädagogik einzulassen. Die bisherigen Teilnehmer waren begeistert.

Die Digitalisierung von Archivgut und die Arbeit mit Digitalisaten zum Schutz der Originale gewinnen zunehmend an Bedeutung. Übungen zur digitalen Bearbeitung von Fotografien sensibilisieren für die Frage der Abgrenzung zwischen Restaurierung und Fälschung. Für die Beantwortung der Frage, was denn eigentlich bei nur digital vorhandenen Schrift- und Bilddokumenten ein «Original» ist und wie es gar archiviert wird, ist ein Experteninterview mit dem für die digitale Langzeitarchivierung zuständigen Archivar fällig. So erscheint das Berufsbild des Archivars einmal ganz anders.

Fazit

Bei der Entwicklung der Module wurde grosser Wert darauf gelegt, die eingangs erwähnten klassischen Ziele der Archivpädagogik nicht aus den Augen zu verlieren. Nur wer einmal inhaltlich in eine Archivquelle einsteigt, kann die Bedeutung von Kulturgüterschutz in diesem Bereich verstehen.

Ebenso wie in der Planung, ist auch für die Durchführung der Module die interdisziplinäre Zusammenarbeit bei der archivpädagogischen Arbeit gefragt. Nur die Vertreter der einzelnen Berufe in den Archiven können kompetent und authentisch auf die Fragen vder Jugendlichen antworten und ihre Arbeit vorstellen.

Im Internet ist das Projekt mit seinen einzelnen Modulen unter www.archiv-jugend-restaurierun...  zu finden. Die Module verstehen sich als Start. Neue Module sind auf der Seite willkommen. Und die Rubrik «Forum» möchte zum Gedankenaustausch einladen, Ideen, Meinungen und konstruktive Kritik zu veröffentlichen.

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Monika Frank

Archivpädagogin, Historisches Archiv der Stadt Köln

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Comment amener les jeunes à se familiariser avec les archives et le travail des archivistes si les documents sont répartis sur plusieurs sites? Une question que se sont posées notamment les Archives historiques de la ville de Cologne après la catastrophe du 3 mars 2009. Dans le cadre du concours «Archiv und Jugend», un projet consacré au dévelop­pement de nouvelles offres de formation en archivistique a été lancé. Résultat: 8 modules pour des groupes d’apprentissage à partir de l’âge de 12 ans. Tous les modules abordent le thème de la vulnérabilité des sources, trois parlent de l’histoire des catastrophes, dont celle de Cologne qui a inspiré un autre module consacré à la vie d’un dossier. Les élèves apprennent à connaître ici la carrière et le destin d’actes personnels endomma­gés lors de l’effondrement des archives. Il a fallu en outre développer des concepts pour la restauration. Le 3e module porte sur des paquets d’actes endommagés durant la Seconde Guerre mondiale.

Deux autres modules traitent du papier et de l’encre, les élèves ayant la possibilité d’en fabriquer par eux­-mêmes. Les actes médiévaux font également l’objet d’un module, tandis qu’un autre propose un exercice concret: comment procéder face à l’incendie d’un fonds d’archives? Enfin, la numérisation des fonds d’archives joue également un rôle dans ce concept pédagogique, ainsi que des exercices sur le traitement numérique des photographies.

Le projet et ses divers modules sont disponibles sur Internet, à l’adresse www.archivju­gend-­restaurieru... .