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2009/2 Menschenrechte in Schweizer Informations­einrichtungen

Quellen zur Menschenrechts-Bewegung und zur humanitären Hilfe im Schweizerischen Sozialarchiv

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Seit seiner Gründung im Jahr 1906 dokumentiert das Schweizerische Sozialarchiv die soziale Frage, soziale Bewegungen und den gesellschaftlichen Wandel mit dem Schwerpunkt Schweiz. Heute beherbergt die Archivabteilung des Sozialarchivs rund 400 Aktenbestände von politischen Parteien, Gewerkschaften, Verbänden, gemeinnützigen Organisationen und sozialen Bewegungen aller Art. Hinzu kommen zahlreiche Privatnachlässe von Aktivistinnen und Aktivisten dieser Organisationen.

Geschichte und Gegenwart von sozialen Bewegungen sind mit den Menschen- und Bürgerrechten, hier verstanden im Sinne von humanen Grund- bedürfnissen, sowie mit dem Aspekt der humanitären Hilfe eng verknüpft. Soziale Bewegungen wie die Arbeiterbewegung oder die Frauen- beziehungsweise die Frauenstimmrechtsbewegung können ohne Bezug auf bürger- und menschenrechtliche Motive gar nicht begriffen werden. So hat sich beispielsweise die Arbeiterbewegung immer als Verfechterin von Freiheits- und Gleichheitsforderungen verstanden und die Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Arbeitnehmenden sowie die Aufhebung gesellschaftlicher Benachteiligung eingefordert. Diese identitätsstiftenden Zielsetzungen kommen bereits im ältesten Archivbestand des Sozialarchivs explizit zum Ausdruck: in den Akten des 1819 als Kranken-, Invaliden-, Witwen- und Waisenkasse gegründeten Unterstützungsvereins für Buchdrucker und Schriftgiesser in Zürich. Gleiches gilt für die Frauenbewegung, die auf den Abbau von Benachteiligungen in verschiedensten Bereichen hinwirkte, vom Stimmrecht über das Familien-/Ehegüterrecht bis hin zur Gleichstellung in der Erwerbsarbeit. Aspekte des Menschenrechtsdiskurses beziehungsweise der humanitären Hilfe spielen aus den oben erwähnten Gründen in den meisten Archivbeständen des Schweizerischen Sozialarchivs eine wichtige Rolle. Natürlich sind gewerkschaftliche Organisationen oder Parteien der Neuen Linken keine NGOs im Bereich der humanitären Hilfe, und sie gehören im engeren Sinn auch nicht zur Menschenrechtsbewegung, denn der Fokus ihrer praktischen und programmatischen Tätigkeit liegt nicht explizit in diesem Bereich. Im Folgenden wird deshalb ausschliesslich und in exemplarischer Form auf Archivbestände hingewiesen, die schwergewichtig Quellen zu diesen beiden Themenkomplexen enthalten. Die betreffenden Organisationen (Aktenbildner) sind kursiv hervorgehoben. 

Quellenbestände des Sozialarchivs zur humanitären Hilfe 

In der Schweiz sind humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit eine gemeinsame Aufgabe von Staat, Zivilgesellschaft und Privaten. Besonders gut vertreten sind im Sozialarchiv Initiativen, die ihren Ursprung in der Arbeiterbewegung haben oder von dort massgebliche Impulse erhielten. Zu erwähnen ist hier in erster Linie das Archiv des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks mit umfangreichen Aktenbeständen zur FlüchtlingshilfeSeit seiner Gründung im Jahr 1906 dokumentiert das Schweizerische Sozialarchiv die soziale Frage, soziale Bewegungen und den gesellschaftlichen Wandel mit dem Schwerpunkt Schweiz. Heute beherbergt die Archivabteilung des Sozialarchivs rund 400 Aktenbestände von politischen Parteien, Gewerkschaften, Verbänden, gemeinnützigen Organisationen und sozialen Bewegungen aller Art. Hinzu kommen zahlreiche Privatnachlässe von Aktivistinnen und Aktivisten dieser Organisationen., zur Nachkriegshilfe (Wiederaufbau im kriegsgeschädigten Europa ab 1944), zu den Auslandaktivitäten (Entwicklungszusammenarbeit) nach 1948, aber auch zur humanitären Inlandhilfe. Teilweise ähnliche Zielsetzungen verfolgt das Hilfswerk Brücke • Le pont, das gemeinsam von der Katholischen Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbewegung der Schweiz (KAB) und von der christlichen Gewerkschaftsdachorganisation Travail.Suisse (bis 2003: CNG) getragen wird und aus den Vorläuferorganisationen Brücke der Bruderhilfe und CECOTRET hervorgegangen ist. Brücke • Le pont begleitet Projekte in Afrika und Lateinamerika und fördert lokale Gewerkschaften, Frauenbewegungen, Genossenschaften und Menschen- rechtsorganisationen. Im Weiteren sind im Sozialarchiv verschiedene, zeitlich befristete Hilfsaktionen wie die Hilfsaktion für deutsche Not 1923/1924 oder die höchst erfolgreiche Aktion «Zürich hilft Wien» zugunsten der Not leidenden Bevölkerung in Wien in den Jahren 1946–1948 dokumentiert. Weitere Beispiele für den humanitären Einsatz schweizerischer Organisationen und Privatpersonen sind die Hilfsaktionen zugunsten der Chile-Flüchtlinge ab 1974 (Arbeitsgemeinschaft Freiplatzaktion Chile-Flüchtlinge, Freiplatzaktion Chile-Flüchtlinge Schaffhausen), die Gesundheitsbrigaden Schweiz/Nicaragua (1983–1991) oder die Ungarnhilfe von 1956 und in den Jahren danach. Unterlagen zur Ungarnhilfe finden sich vorab im Nachlass Walter Renschler (1932–2006) und im Archiv des Verbandes der Ungarischen Christlichen Arbeitnehmer/innen der Schweiz. Ganz allgemein ist darauf hinzuweisen, dass das humanitäre Engagement und die teilweise mit grossen persönlichen Risiken verbundene Flüchtlingsarbeit auch in den Nachlassbeständen von Aktivistinnen und Aktivisten ihren Niederschlag gefunden hat. Hinzuweisen ist hier im Speziellen auf die Nachlässe von Fritz Baumann (1894–1992), Anny Klawa-Morf (1894–1993), Willi Kobe (1899–1995), Rodolfo Olgiati (1905–1986), Marie Furrer (1906–2003), Mascha Oettli (1908–1997) und Hansjörg Braunschweig (1930–1999). Der Bereich der Entwicklungszusammenarbeit ist mit den Archiven der Erklärung von Bern (1968) und der 1969 gegründeten Arbeitsgruppe Dritte Welt Bern prominent vertreten. Beide Organisationen leisteten Pionierarbeit hinsichtlich der Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung der schweizerischen Gesellschaft für Fragen der Nord-Süd-Beziehungen, insbesondere auch durch aufsehenerregende Kampagnen wie «Nestlé tötet Babys» (1974), «Jute statt Plastic» (1976) oder durch die Bankeninitiative von 1978. Aus diesen Aktivitäten heraus entwickelte sich die Maxime des fairen Handels, die zur Gründung von zahlreichen Dritte-Welt-Läden und Genossenschaftsbetrieben führte. Auch dazu sind im Sozialarchiv diverse Archivbestände vorhanden, namentlich die Archive der Importgenossenschaft OS3 (seit 1997: claro fairtrade AG) und des Vereins 3.Welt-Läden (V3WL) sowie Bestände zu regionalen und lokalen Initiativen (Verein Weltläden Nordwestschweiz, Arbeitsgruppe 3. Welt Volketswil). 

Quellenbestände des Sozialarchivs zu den Menschenrechten 

Der aktuelle Menschenrechtsdiskurs umfasst eine riesige Fülle unterschiedlichster Themenfelder. Mit den politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechten sind heute alle gesellschaftlichen und politischen Akteure in der einen oder anderen Weise konfrontiert. So werden beispielsweise unter dem Menschenrechtsaspekt so unterschiedliche Dinge wie die Verteilung der Arbeit, die Asylproblematik, die Trinkwasserversorgung, der Bau von Minaretten, die Sterbehilfe, der Kinder- und Jugendschutz, der Frauenhandel, die lebenslange Verwahrung oder der Klimawandel diskutiert. Solche Themen gehörten in der hundertjährigen Geschichte des Schweizerischen Sozialarchivs stets zu den Hauptsammelgebieten. Sie sind ausgezeichnet dokumentiert, und es gibt dazu Zehntausende von Broschüren, Pamphleten, Flugblättern, Zeitschriften und wissenschaftlichen Darstellungen: von der antifaschistischen Bewegung der 1930er Jahre bis zur Gruppe Augenauf, einer 1995 gegründeten, unabhängigen Menschenrechtsorganisation, die die von behördlichen Übergriffen, Diskriminierungen und Menschenrechts- oder Grundrechtsverletzungen Betroffenen unterstützen will und entsprechende Öffentlichkeitsarbeit leistet.

Neben den gedruckten Primärquellen sind im Sozialarchiv auch Archivbestände von Organisationen vorhanden, die sich entweder explizit als Menschenrechtsorganisationen verstehen, oder einen thematischen Schwerpunkt auf diesen Bereich legen. Zu erwähnen sind namentlich zwei Organisationen, die sich aus juristischer Warte mit der Demokratisierung von Staat und Gesellschaft sowie mit dem Ausbau und der Verteidigung des Rechtsstaates befassen. Dies ist zum einen die Schweizerische Sektion der Internationalen Juristenkommission (ICJ-CH), die sich zum Ziel gesetzt hat, die Beachtung der Menschenrechte über die Durchsetzung rechtsstaatlicher Grundsätze zu sichern. Zum andern gibt es im Sozialarchiv den Archivbestand des 1978 gegründeten Vereins der Demokratischen Juristinnen und Juristen der Schweiz, der sich vor allem in den Bereichen Staatsschutz, Ausbau der Verteidigungsrechte, Rechtspflege und Strafprozessrecht engagiert. Auch das Archiv Schnüffelstaat Schweiz, das im Anschluss an die Fichenaffäre von 1989 angelegt wurde und mehrere Hundert Dossiers mit Kopien von Fichen und Staatsschutzakten enthält, ist diesem Bereich zuzuordnen. Ferner enthalten die Archive der GewerkschaftenIn den letzten 15 Jahren konnte das Schweizerische Sozialarchiv, von einer Ausnahme abgesehen, alle grossen schweizerischen Gewerkschaftsarchive übernehmen, und zwar sowohl die Bestände der SGB-Gewerkschaften als auch jene der christlichen bzw. der sogenannt freiheitlichen oder gelben Gewerkschaftsbewegung. Die Ausnahme betrifft den Schweizerischen Eisenbahn- und Verkehrspersonal-Verband (SEV), der am Hauptsitz in Bern nach wie vor ein umfangreiches Archiv unterhält.und der politischen ParteienNeben der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz mit ihren zahlreichen regionalen und lokalen Gliederungen sind hier die Partei der Arbeit, trotzkistische Organisationen (RML/SAP, Marxistische Aktion der Schweiz, Sozialistischer Arbeiterbund) und vor allem die Parteien der Neuen Linken nach 1968 (PocH, KPS/ML, Revolutionäre Aufbauorganisation Zürich, Winterthurer opposition) zu nennen.vielfältige und teilweise sehr umfangreiche Unterlagen zu verschiedensten Menschenrechtsthemen. Solche Organisationen tragen menschenrechtliche Aspekte, im Sinne eines gleichberechtigten Lebens ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt, ja programmatisch in sich und beschäftigen sich beispielsweise mit arbeitsrechtlichen Standards, mit der Gleichstellung von Mann und Frau oder mit der Integration von Migrantinnen und Migranten. Daneben gibt es Bestände weiterer Organisationen mit einem breiten Themenprofil. Zu nennen sind etwa friedenspolitische Organisationen wie der Schweizerische Friedensrat oder die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit. Andere (neue) soziale Bewegungen weisen einen klaren thematischen oder geografischen Fokus auf. Sie setzen sich ein für die Rechte von Minderheiten oder für spezifische Bevölkerungsgruppen (Schweizerischer Verband für Frauenrechte, Frauenbefreiungsbewegung FBB, Organisation für die Sache der Frau OFRA, schwulenarchiv schweiz, Frauen-/Lesben-Archiv, Verein «Verdingkinder suchen ihre Spur»), oder sie konzentrieren sich auf ein bestimmtes Menschenrecht (Internationale der Kriegsdienstgegner, Beratungsstelle für Militärverweigerung und Zivildienst, Asylkomitee Zürich, Schweizerische Journalistinnen- und Journalisten-Union [Meinungs-/Pressefreiheit], Verein Lesen und Schreiben für Erwachsene [Alphabetisierung], Stiftung Kinderschutz Schweiz). In verschiedenen Fällen ist das Menschenrechtsengagement auch an spezifische historische Entwicklungen und Ereignisse geknüpft oder auf einen geografischen Raum beschränkt. Ersteres ist der Fall für die Antiapartheidbewegung, für das Initiativkomitee für einen echten Zivildienst oder für das Forum gegen den Rassismus; Letzteres gilt etwa für das Zentralamerika-Sekretariat, für die Gesellschaft Schweiz-Palästina oder für die Gruppe Schweiz-Philippinen.

Wie die keineswegs vollständige Übersicht zeigt, verfügt das Schweizerische Sozialarchiv über zahlreiche Archivbestände, die relevante Unterlagen zu den Themen Menschenrechte und humanitäre Hilfe enthalten. Sie sind alle nach dem Provenienzprinzip geordnet, und eine Verschlagwortung fehlt in der Regel. Es ist deshalb nicht immer einfach, die einschlägigen Quellen aufzuspüren. Hilfreich kann hier die vorgängige Sichtung der Pertinenzbestände des Sozialarchivs sein; gerade die umfangreichen Kleinschriftenbestände ermöglichen es, sich rasch einen Überblick über die wichtigsten Akteure zu verschaffen, semantische Netze zu knüpfen und letztlich auch inhaltliche Querbezüge ausfindig zu machen.

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Urs Kälin

stv. Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs, Zürich

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Les Archives sociales suisses récoltent des informations sur les mouvements et changements sociaux en Suisse. Elles hébergent quelque 400 dossiers sur les partis politiques, syndicats, organisations à but non lucratif et mouvements sociaux, et des fonds privés d’activistes des diverses organisations. Les mouvements féministes pour la réduction des inégalités, les syndicats et partis politiques de gauche qui abordent des thèmes explicitement liés aux droits humains y ont leur place. Les différents aspects de l’aide humanitaire sont représentés par des documents de la Société de l’information et coopération internationale (sah), par ceux de l’association Brücke • Le pont, portée par des travailleurs catholiques suisses et le syndicat Travail.Suisse qui soutient des projets en Afrique et en Amérique latine. Les documents de la Déclaration de Berne et du Groupe de travail Dritte Welt Bern donnent des informations sur leur travail de pionnier dans la sensibilisation aux questions des relations Nord–Sud, et sur les campagnes menées pour un commerce équitable. Des dizaines de milliers de brochures, pamphlets, tracts, revues scientifiques et techniques relatifs aux multiples thèmes des droits humains sont répertoriés: répartition du travail, problématique de l’asile, approvisionnement en eau potable, construction de minarets, aide au suicide, protection de l’enfance, traite des femmes, changements climatiques. La Section suisse de la commission internationale de juristes, dont l’objectif est de garantir le respect des droits de l’homme, l’Association Juristes Démocrates de Suisse, active dans les domaines du renforcement des droits de la défense et de la procédure pénale sont aussi présentes, ainsi que les partis politiques, syndicats et associations contribuant à l’établissement d’une société plus juste: le conseil suisse des associations pour la paix, la Ligue internationale des femmes pour la paix et la liberté (LIFPL). On y trouve encore quelques mouvements plus récents, défendant les droits des minorités ou de populations spécifiques: l’Association suisse pour les droits de la femme, le Mouvement de libération des femmes (MLF), l’Union internationale des objecteurs de conscience, Alternatives au service militaire obligatoire, l’Union suisse des journalistes, Lire et écrire. Le Mouvement contre l’apartheid, le Secrétariat pour l’Amérique centrale, le Fonds de projets contre le racisme, le Groupe Suisse-Philippines sont des associations liées à des événements ou des espaces délimités. Ils sont aussi documentés aux archives sociales.