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2009/2 Menschenrechte in Schweizer Informations­einrichtungen

Ein internationales ökumenisches Forschungszentrum: die Bibliothek des Ökumenischen Rates der Kirchen

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Schon sehr früh war den Gründern des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), insbesondere W. A. Visser’t Hooft, dem ersten Generalsekretär, klar, dass die ökumenische Bewegung eine Gedächtnisinstitution braucht, die die pionierhaften kirchlichen Einigungsbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts, die 1948 in Amsterdam zur Entstehung des Weltkirchenrates führten, dokumentiert und für die Nachwelt aufbewahrt, vor allem eine Bibliothek, die möglichst vollständig alles Schriftgut und Literatur in diversen Sprachen zu ökumenischen Fragen aus Geschichte und Gegenwart und allen christlichen Konfessionen sammelt und einer breiten interessierten Öffentlichkeit zugänglich macht.

1. Auftrag und Geschichte

Deshalb begann Visser’t Hooft 1946 damit, unablässig von allen namhaften Vertretern und Freunden der ökumenischen Bewegung (Adolf Keller, Eugène Choisy, Floyd W. Tomkins u.a.), theologischen Akademien und Verlagshäusern ökumenische Literatur zu erbetteln und am Hauptsitz des Rates, an der Route de Malagnou 17 in Genf, in einem nebenan liegenden Schuppen zusammenzuführen, und legte innert kurzer Zeit mit ca. 7000 Bänden das Fundament einer für damalige Verhältnisse einmaligen ökumenischen Bibliothek. 1964 zu einem Bestand von 28 000 Bänden angewachsen, zog sie zusammen mit dem Archiv in ein geräumiges, zweigeschossiges Gebäude auf der Juraseite des neu erbauten Ökumenischen Zentrums in Grand-Saconnex GE, wo ihre wertvollen dokumentarischen Schätze noch heute aufbewahrt sind.

Fast gleichzeitig entstand im ca. 20 km entfernten «Château de Bossey» an herrlichster Lage am Jurafuss über dem Genfersee, wo sich 1946 das Ökumenische Institut unter dem Patronat des Weltkirchenrates etablierte, auf Initiative von Prof. Hendrik Kraemer, dem ersten Institutsdirektor, eine Schwesterbibliothek, die vor allem dem Seminarbetrieb, den Professoren und Studenten der sog. «Graduate School of Ecumenical Studies» (Ökumenischen Hochschule) ab den frühen 50er-Jahren diente und sich rasch zu einer stattlichen ökumenischen Studienbibliothek mit ca. 20 000 Bänden entwickelte. Heute zählt Bossey jährlich ungefähr 50 Studierende aus allen Erdteilen und den verschiedensten christlichen wie anderen Religionsgemeinschaften, die einen universitären Studiengang (Master of Ecumenical Studies, Master of Advanced Ecumenical Studies), Weiterbildungsseminare zu aktuellen kirchlichen und sozialen Themen oder die interreligiöse Sommerhochschule besuchen und dabei Tag und Nacht die Bibliothek benutzen.

Die beiden Bibliotheken entwickelten sich im Laufe der Jahrzehnte prak- tisch selbstständig unter dem prägenden Einfluss je eines hauptamtlichen Bibliothekars bzw. einer Bibliothekarin, in Genf geschah dies durch Pfarrer A. J. van der Bent (1963–1986) und Pierre Beffa (1987–2002), und in Bossey durch Margrit Koch (1966–1996).

Erst 2003 – einmal abgesehen von der kurzen Periode 1994–1996, als ein erster Zusammenschluss der beiden Bibliotheken scheiterte – fanden Letztere schliesslich zusammen unter dem Dach einer gemeinsamen Führung und Verwaltung und begannen ihre Anschaffungen, doppelt geführten Bestände und unterschiedlichen Klassifikationen zu vereinheitlichen. Im Zuge der Reorganisation erhielt jede Bibliothek ihr eigenes thematisches Profil, und das Bibliothekspersonal arbeitet seither im Teamwork nach Bedarf an beiden Orten und verrichtet zentrale Aufgaben (z.B. Bestellungswesen und Katalogisierung) für beide Bibliotheken.

Als Meilenstein in der Geschichte der ÖRK-Bibliothek kann man den Beitritt zum Westschweizer Bibliotheksverbund RERO betrachten, der noch im gleichen Jahr erfolgte und ihr ganz neue Perspektiven eröffnete punkto Zugänglichkeit, Sichtbarkeit der Bestände und Qualität des Bibliothekskatalogs. Die Migration der Datenbank sowie der spätere Erweiterungsbau und die komplette Erneuerung der Bibliotheken in Bossey und Genf inkl. des Archivs im Jahre 2005 wurden dank der grosszügigen Unterstützung einer Genfer Privatbank ermöglicht, die durch die Realisierung dieser Projekte aus den teilweise veralteten Bibliotheks- und Archivstrukturen ein modern ausgerüstetes, attraktives internationales ökumenisches Forschungszentrum schuf, das seinesgleichen sucht.

2. Bestände und Zahlen

Heute besitzt die ÖRK-Bibliothek über 130 000 Bände, 350 Dissertationen, 1300 Zeitschriftentitel, die z. T. über 100 Jahre alt sind – der älteste Druck stammt aus dem Jahre 1602Bericht von dem Colloquio Welches zu Regenspurg von den Lutherischen Theologen Und Jesuiten, auff etzlicher fürnemer Fürster und Herren begeren, den 18. November 1601 angestellet. Und was sich alda zugetragen hat. Magdeburg, 1602.– zu den verschiedensten theologischen Disziplinen wie Bibelwissenschaft, Missionstheologie, Sozialethik, kontextuelle Theologie, Religionskunde, die in Bossey aufbewahrt sind und im akademischen Lehrbetrieb Verwendung finden, währenddem Konfessionskunde, ökumenische Theologie, Kirchengeschiche und interreligiöser Dialog zu den Spezialgebieten der Genfer Bibliothek gehören, deren Prunkstück eine umfassende Sammlung mit über 40 000 Bänden zur Geschichte der ökumenischen Bewegung und des zwischenkirchlichen, interkonfessionellen Dialogs bildet.

Das Erwerbungsbudget beträgt 50 000 CHF, 15 000 für Print- und Online-Zeitschriften, 35 000 für Monografien, was fast die Hälfte der gesamten Betriebskosten (110000 CHF) ausmacht. Weitere 40 000 CHF werden für die elektronischen Bibliotheks- und Archivsysteme verwendet. Mit dem wenigen, was übrig bleibt, lassen sich verständlicherweise keine grossen Sprünge machen.

Jährlich besuchen uns gut 1300 BenutzerInnen aus aller Welt, Forschende, Studierende, Mitarbeitende des ÖRK und des ökumenischen Zentrums, BesucherInnen aus den Mitgliedskirchen etc., die im Schnitt 3000 Dokumente ausleihen. Dabei wächst unser Bestand um etwa 2800 Titel im Jahr.

3. Klassifikation und Beschlagwortung

Nachdem die anfänglich benutzte Universale Dezimalklassifikation von verschiedener Seite kritisiert wurde, führte die Bibliothek die Dewey’sche Dezimalklassifikation ein (ab 14. Aufl.). Ob diese allerding für die Erschliessung ökumenischer Literatur besser geeignet war, darf heute mit Recht bezweifelt werden, denn betrachtet man die verschiedenen Klassierungen jeder Neuauflage dieses Standardwerkes für die «Ökumenische Bewegung» (mal 280.1 in 16. Aufl., 262.001 in 17. Aufl., 270.82 in 18. Aufl. und 280.042 vs. 262.001 in 22. Aufl.), wird man daraus nur schwer klug. Und es bedeutet eine echte Herausforderung für eine ökumenische Bibliothek, ihre Bestände nach den Notationen von Dewey zu klassieren, denn keine erlaubt es, die facettenreiche Literatur der Ökumene gründlich und umfassend zu erschliessen. Es ist deshalb das grosse Verdienst von A. J. van der Bent, in den frühen 60er-Jahren in Anlehnung an Dewey eine eigene Klassifikation für die gesamte ökumenische Literatur in der ÖRK-Bibliothek entworfen zu haben, indem er die Klassierung 280.1 von der 16. Auflage Dewey’s übernahm und sie bedarfsgerecht nach dessen geografischen und konfessionellen Klassen weiter unterteilte bzw. ausbaute, wohl wissend, dass eine hausgemachte Klassifikation immer mit subjektiven Mängeln behaftet ist. Trotzdem diente sie manchen ökumenischen Bibliotheken (z.B. Centro Pro Unione, Rom) als Modell und wird auch von uns weiterhin gepflegt und nötigenfalls angepasst.

Unsere Bibliothek erschliesst von jeher ihre Literatur auf Englisch mittels eines eigenen Vokabulars, das sich aber eng an die Schlagwortketten der Library of Congress und/oder der American Theological Library Association (ATLA) anlehnt. Es ist ihr Ziel, soweit als möglich ihren Thesaurus jenem der Ersteren und/oder Letzteren anzugleichen.

4. Bibliothekssystem/RERO

1986 begann die Bibliothek ihre Titel in einem elektronischen Katalog zu erfassen (URICA von Mc Donald-Douglas), insbesondere auch die ökumenische Spezialsammlung mit ihren 40 000 Titeln. URICA bot zwar viele praktische Vorteile, z.B. einen mehrsprachigen Thesaurus und die Möglichkeit, Archivalien zu verzeichnen, aber nach zehn Jahren wurde das System vom Hersteller nicht mehr weiterentwickelt und musste 1996 durch VTLS classic ersetzt werden, das in der Westschweiz (RERO) weit verbreitet war und der Bibliothek als zukunftsweisend erschien. 1996 wurde auch der gesamte Katalog von Bossey in das System integriert, und seither teilen sich beide Bibliotheken den gleichen Katalog. 1998 erfolgte die Anbindung der Datenbank ans Internet, und 2003 – infolge der Reorganisation – wurde für das Archiv ein eigenes Verwaltungssystem (scopeArchivTM) eingeführt. Beide Kataloge sind über das Web abfragbar. Rechtzeitig zur Einweihung der neuen Bibliothek in Bossey im Juni 2005 wurden schliesslich die ca. 75 000 Datensätze des Bibliothekskatalogs in den RERO-Katalog überführt. Ca. 40 000 Titel, mit Werken aus der Zeit vor Einzug des Computers, sind nach wie vor auf Handzetteln verzeichnet und warten darauf, eines Tages in den elektronischen Katalog aufgenommen zu werden.

5. Beziehungen und Ausblick

Die ÖRK-Bibliothek ist langjähriges Mitglied von ATLA und BETH, der amerikanischen bzw. europäischen Vereinigung theologischer Bibliotheken, nimmt regelmässig an den Jahrestreffen der BibliothekarInnen theologischer Institutionen der Schweiz teil, zu deren Initiatoren sie selbst gehört, und pflegt den Kontakt zu anderen ökumenischen Bibliotheken. In Zukunft warten enorme Herausforderungen auf sie. Die Folgen der weltweiten Finanzkrise machen sich auch beim ÖRK schmerzlich bemerkbar. Wesentliche Teile seiner programmatischen Arbeit wurden oder werden gekürzt und/oder gestrichen. Eine hauptamtliche Stelle in der Genfer Bibliothek fiel bereits der Krise zum Opfer, und der ÖRK macht sich ernsthaft Sorgen, wie er die finanzielle Zukunft von Bibliothek und Archiv langfristig sichern kann. Dies hindert uns aber nicht, mutige und ambitiöse Projekte in Angriff zu nehmen, z. B. eine «Global digital library on ecumenics», eine ökumenische Internetbibliothek, die Studierenden und Forschenden auch aus dem Süden einen weithin freien und unmittelbaren Zugriff auf ökumenische Literatur gewähren und einen gegenseitigen Wissensaustausch zwischen Nord und Süd fördern würde. Die Retrokonversion des alten Zettelkatalogs, der fast einen Drittel des Gesamtbestandes umfasst, ist ein weiteres, dringend anstehendes Projekt. Wichtige gedruckte Sammlungen, z. B. die Veröffentlichungen von «Glaube und Kirchenverfassung» aus dem frühen 20. Jahrhundert, die über kurz oder lang dem Zerfall ausgeliefert sind, müssen digitalisiert werden, damit sie für die Nutzung erhalten bleiben.

Ob diese Vorhaben gelingen, hängt sehr davon ab, wie gut wir die interessierte (nicht nur kirchliche) Öffentlichkeit von der historischen Bedeutung unserer Schätze und der Notwendigkeit ihrer Erhaltung für die Nachwelt überzeugen und damit die nötige Unterstützung für dieses Projekt finden.

Quellen: 

  •  Beffa, Pierre. In Memori: Ans Joachim van der Bent. Ecumenical Review, 1996, vol.48, no.1, pp. 120–121
  • Beffa, Pierre. Ecumenism and library: a commitment to lively ecumenical research. Ecumenical Review, 1994, vol. 46, no.3, pp. 361–367

  • Bent, van der, A.J. Update on ecumenical documentation. In: Summary of proceedings: thirtieth annual conference American Theological Library Association.

  • Grand Rapids, 1976, pp. 81–104 (enthält die Übersicht der Klassifikation der ökumenischen Spezialsammlung)

  • Rouse, Ruth. The handmaid of the ecumenical movement: the World council’s Library. Ecumenical Review, 1949, vol. 1, no.4, pp. 424–427

  • Website WCC Library & Archives: http://library.oikoumene.org

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Andreas Waldvogel

Institut Œcuménique, Bibliothèque, Crans-près-Céligny

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