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2008/1 Lobbying für Informationsdienste: Theorie und Praxis

Politisches Lobbying und gross angelegte Publikumskampagnen des Schweizer Dachverbands Lesen und Schreiben

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Festlegen der Ziele, Identifizieren der Hindernisse/Hürden und Suche nach Lösungen: Der Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben hat die Grundsteine für ein effizientes Lobbying in überzeugender Manier gelegt. Die zwei grossen Achsen der Überzeugungsarbeit lauten: die Entscheidungsträger für sich gewinnen und das Publikum sensibilisieren.

Wer hat noch nie etwas vom Problem des Illetrismus in der Schweiz gehört? In der Presse kann man zwar regelmässig entsprechende Artikel lesen, aber es liegen trotzdem kaum Lösungsansätze vor, obwohl verbreiteter Illettrismus in einem Land, das sich zur Weltspitze der entwickelten Länder zählt, eigentlich eine aussergewöhnliche Tatsache darstellt. Der Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben packt den Stier bei den Hörnern und hat eine Reihe von Massnahmen eingeleitet, die bestens aufeinander abgestimmt sind.

Lesen und Schreiben ist ein gemeinnütziger, politisch und konfessionell unabhängiger Verein.

Der Verein ist erst seit 2006 als Schweizerischer Dachverband organisiert. Dem Dachverband gehören Organisationen aus allen Sprachregionen der Schweiz an, die sich dem Kampf gegen Illetrismus und für die Grundbildung Erwachsener engagieren.

Man kann sich leicht vorstellen, welchen Aufwand für den inneren Zusammenhalt diese neue Situation voraussetzt. Schliesslich geht es darum, 22 Sektionen unter einen Hut zu bringen und in ihrer Funktionsweise sowohl bezüglich Grösse als auch Ausrichtung sehr unterschiedliche Einheiten zu koordinieren. Dieser Aspekt wird im vorliegenden Artikel allerdings nicht weiter ausgeführt, tangiert er doch einen unterschiedlichen Problembereich. 

Klare Zielsetzungen

Der Erfolg jedweden Projekts hängt, wie wir alle wissen, vom Ziel ab, das man sich zu Beginn gesetzt hat: Die Zielsetzung muss so klar umrissen sein, dass konkrete und wirkungsvolle Massnahmen abgeleitet werden können. Sie muss allerdings auch so allgemein gehalten sein, dass je nach Bedarf Raum bleibt für neue, innovative Mass- nahmen, die man am Anfang noch nicht in Betracht gezogen hat.

Artikel 2 der Statuten des Schweizer Dachverbands Lesen und Schreiben lässt diesbezüglich an Präzision nichts zu wünschen übrig, es werden sieben Ziele definiert:

a) Engagement bei den Behörden für die Anerkennung des Problems des Illetrismus, für das Recht auf entsprechende Bildungsmöglichkeiten und die Bereitstellung der notwendigen Mittel;

b) Stellungnahme zu bildungspolitischen Fragen ausgehend von einer ganzheitlichen Sichtweise im Illetrismusbereich;

c) Betreiben von Öffentlichkeitsarbeit, initiieren und/oder koordinieren nationaler Projekte im Bereich Illetrismus;

d) Sammeln von Informationen, Dokumentation und Statistiken und Schaffung einer Plattform zum Austausch von Wissen und Erfahrungen unter den Sprachregionen;

e) Pflege und Ausbau eines Netzwerkes mit Partnerorganisationen in der Schweiz und im Ausland;

f) Förderung und Koordination der Aus- und Weiterbildung der Kursleitenden. Der Dachverband kann die Aus- und Weiterbildung der Kursleitenden delegieren;

g) Unterstützen von sprachregionalen Vereinigungen, die ein flächendeckendes Angebot garantieren.

Individuelle und kollektive Hürden

Wie steht es mit der Umsetzung? Welche Aktionen sollen unternommen werden, und wie? Auf diese zwei Fragen können Antworten nur dann gefunden werden, wenn vorgängig die Hindernisse, welche einer erfolgreichen Durchfüh- rung von derartigen Aktionen entgegenstehen, identifiziert werden.

Der Dachverband stellt fest, dass das Problem sowohl in der öffentlichen Meinung als auch bei den politischen Entscheidungsträgern zu wenig im Bewusstsein verankert ist. Diese Tatsache erweist sich im Kampf gegen den Illetrismus als grosses Handicap und erschwert die Mobilisierung von Res- sourcen.

An erster Stelle stehen hierbei individuelle Hürden:

Grundsätzlich meldet sich eine von Illetrismus betroffene Person nur im Anschluss an ein Schlüsselereignis bei einem Kurs an: zum Beispiel bei Problemen bei der Arbeit, anlässlich der Einschulung der eigenen Kinder, wenn das Illetrismusproblem eine andere Ausbildung direkt behindert usw.

Die Erfahrung zeigt, dass es ohne ein starkes auslösendes Ereignis wenig wahrscheinlich ist, dass es einer von Illetrismus betroffenen Person gelingt, die objektiven und subjektiven Hürden zu überwinden, welche einer Kursanmeldung bei «Lesen und Schreiben» im Weg stehen.

Solche Hürden können sein: 

– Unkenntnis der Existenz von Kursen und falsche Vorstellungen über deren Umfang, Länge und Kosten,

– Scham- oder Schuldgefühle sowie das Gefühl, die einzige Person mit diesem Problem zu sein,

– Schwierigkeiten, die notwendige Zeit und Energie aufzubringen. 

Es folgen die kollektiven Hürden. Die Unkenntnis, welche das Thema umgibt, erschwert die Beseitigung von Tabus. Die Öffentlichkeit ist sich des Ausmasses des Problems kaum bewusst. Die PISA-Studie hat sicherlich dazu beigetragen, die Unzulänglichkeiten bestimmter Schülergruppen aufzu- decken, sie hat aber nicht zu einer öffentlichen Diskussion des Problems des Illetrismus bei Erwachsenen geführt. Ein weiteres Problem ist das schwache Engagement von Drittpersonen.

Es ist selten, dass eine von Illetrismus betroffene Person sich ohne jegliche Unterstützung dazu entschliesst, sich bei einem Kurs einzuschreiben. In der Mehrzahl der Fälle ist es die Intervention einer dritten Instanz, z. B. der Sozialdienste, welche der Person dabei hilft, sich für die Teilnahme an einem Kurs zu entscheiden. Jedoch sind sich Dritte wie das Umfeld in der obligatorischen Schule, in der Unternehmung, in der Familie, in der Armee und in der medizinischen Versorgung, welche regelmässig von Illetrismus betroffene Personen antreffen, nicht ausreichend des Problems bewusst und übersehen die Lösungen, welche angeboten werden können.

Zwei neue Ansätze für ein gezieltes Lobbying 

Die Sensibilisierung der breiten Öffentlichkeit und der Politik sowie die Stärkung der Initiative Dritter sind zwei neue Wege, welche der Schweizerische Dachverband Lesen und Schreiben beschreitet, damit die bestehenden Tabus abgebaut und umfassendere Massnahmen in der Schweiz ins Auge gefasst werden können.

Der Dachverband fährt auf zwei grossen Schienen, um Aktionen in die Wege zu leiten und umzusetzen.

Auf politischer Ebene/Gesetzesebene

Die Vorstösse im politischen und gesetzlichen Bereich lassen sich aus den zwei ganz zu Beginn genannten Zielsetzungen des Schweizerischen Dachverbands Lesen und Schreiben ableiten: 

a) Engagement bei den Behörden für die Anerkennung des Problems des Illetrismus und 

b) Stellungnahme zu bildungspolitischen Fragen. Aktionen auf kantonaler Ebene sind angesichts der föderalistischen Struktur unseres Landes schwieriger zu koordinieren, nichtsdestotrotz sind sie sehr wichtig. Direkte Interventionen auf dieser Ebene finden im Rahmen der Ausarbeitung von neuen, kantonalen Gesetzen statt; das Engagement umfasst hier normalerweise die Teilnahme an den entsprechenden Vernehmlassungen.

Die Lobbyarbeit auf Bundesebene, besonders jene, die vom Präsidenten des Dachverbands, Nationalrat Roger Nordmann, geleistet wurde, hat es ermöglicht, den Begriff Illetrismus und den Kampf gegen denselben über spezielle Motionen in die Gesetzgebung aufzunehmen. Das hat schliesslich dazu geführt, dass der Bundesrat im Juni 2007 die Botschaften und Entwürfe zu einem Kulturförderungsgesetz verabschiedet und ans Parlament überwiesen hat. Art. 13 des Kulturförderungsgesetzes erwähnt den Illetrismus explizit. Weiter hat im Jahr 2007 die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) des Ständerates den Bundesrat aufgefordert, bei der Ausgestaltung des neuen Weiterbildungsgesetzes die Nachholbildung von Erwachsenen im Bereich der Kulturtechniken (Lesen, Schreiben, Rechnen) zusammen mit den Kantonen zu regeln. Last, but not least hat der Nationalrat im September 2007 der Motion «Kampf gegen Illetrismus» zugestimmt.

Auf der Ebene der betroffenen Personen, der direkt Intervenierenden und der breiten Öffentlichkeit 

Der Schweizerische Dachverband Lesen und Schreiben ist naturgemäss an vielen Fronten tätig, und es ist von daher gar nicht möglich, an dieser Stelle sämtliche Aktionen und Engagements zu erwähnen. Neben Sensibilisierungskampagnen in Unternehmen und Spitälern, der Teilnahme am Welttag der Alphabetisierung – und der Zusammenarbeit mit den Bibliotheken in diesem Kontext – sowie der Teilnahme am Lernfestival (organisiert von der Schweizerischen Vereinigung für Erwachsenenbildung SVEB) sei an dieser Stelle insbesondere die nationale Sensibilisierungskampagne 2008–2010 erwähnt. Die Kampagne bündelt sämtliche Sensibilisierungsaktionen, welche sich an Personen richten, die von Illetrismus betroffen sind, aber auch an direkt Intervenierende und – indirekt – an die breite Öffentlichkeit. Die Kampagne wurde im Rahmen von Artikel 55 des Berufsbildungsgesetzes eingereicht, der mit «Beiträge für besondere Leistungen im öffentlichen Interesse» übertitelt ist. In Absatz e wird stipuliert, dass für «Massnahmen zu Gunsten benachteiligter Regionen und Gruppen» Subventionen zugeteilt werden können, ebenso (cf. Absatz g) für «Massnahmen zur Förderung des Verbleibs im Beruf und des Wiedereinstiegs».

Auch wenn die Grundsätze bekannt und akzeptiert sind und das Projekt gleichsam «in den Startlöchern» steht, so ist die Frage nach der Finanzierung der Gesamtheit der Aktionen im Rah- men dieser Kampagne noch völlig ungelöst. Schon wieder eine (Lobbying-) Aufgabe ...

Stéphane Gillioz, unter Mitarbeit von Brigitte Pythoud und Reto Wiesli aus dem Zentralsekretariat 

Kontakt: 

info@lesen-schreiben-schweiz.ch 

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