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2008/3 Informationseinrichtungen und Sport

«Im Sport hat das Internet viele Leute zu Sammlern gemacht.»

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Gespräch mit Gregory Germond (39), seit 2001 Inhaber des Sportantiquariats in Zürich (Sportantiquariat, Gregory Germond, Frankengasse 6, 8001 Zürich, 044 252 79 82 www.sportantiquariat.ch)

Wie bist du zu deinem Sportantiquariat gekommen?

Als ich 2001 meinen Laden eröffnete, hatte ich nur eine Wand mit Sportbüchern. Bei meinen Reisen fiel mir aber immer auf, dass Sport als Gebiet in Schweizer Antiquariaten völlig verwaist ist, dass Sportthemen nirgends präsent sind. Nach drei Geschäftsjahren merkte ich schliesslich, dass ich mit meinem kleinen Antiquariat bei allen anderen Themen keine Chance gegen alteingesessene Läden hatte und spezialisierte mich vollends.

Wie würdest du das Publikum deines Ladens beschreiben?

Es stimmt nicht mit dem klassischen Antiquariatspublikum überein. Ich habe kein besonders bibliophiles, sondern eher ein junges und sehr durchmischtes Publikum, was angenehm ist. Natürlich sind es vor allem Männer.

Was für ein Markt existiert rund um den Sport?

In einem Sportantiquariat werden nicht nur Bücher verkauft. Gefragt sind auch unterschiedlichste Memorabilia wie Trikots, Autogrammkarten, Anstecknadeln und Abzeichen. Zeitschriften sind ebenfalls ein sehr wichtiger Bestandteil des Sportmarkts. 

Welche Arten von Sammlern gibt es?

Es gibt viele, die sich auf eine bestimmte Sportart spezialisiert haben. Einige Sportarten haben ja auch eine sehr lange Geschichte mit dementsprechend langer Publikationstradition, wie etwa der Fecht- und der Boxsport. Tradition heisst nun aber nicht, dass damit zwingend eine Sammlerszene einhergehen muss. Im Turnen zum Beispiel – einem Sport mit einer sehr langen Geschichte – gibt es kaum Sammler. Der Turnsport hatte nie jenen Starkult und jenen Professionalismus entwickelt, welche auch Grundlage für ein sich ausweitendes Sammelinteresse sind. Dafür hat der Eidgenössische Turnverband in Aarau ein sehr gutes Archiv.

Gibt es im Sportbereich grosse Sammlerpersönlichkeiten?

Es gibt in gewissen Gebieten nur ein, zwei bedeutende Sammler, welche schon alles besitzen und kaum noch ankaufen. Ihre Archive sind so komplett und umfangreich, dass sie sich optimal für die Forschung eignen würden. In der Schweiz gibt es beispielsweise sehr grosse private Motorsport- und Radsportsammlungen. Jede für sich würde reichen, um ein Museum zu füllen. Diese Sammler sind bereits in einem gewissen Alter, und es stellt sich schon die Frage, was mit solchen Sammlungen geschieht, wenn ein Sammler sterben sollte. An dieser Stelle fehlt dann in der Schweiz ein staatliches Sportarchiv, wie es in anderen Ländern existiert. Eine solche Institution könnte rechtzeitig intervenieren, bevor eine Sammlung auseinandergerissen oder zerstört wird.

Was sammelt die jüngere Kundschaft, welche du erwähnt hast?

Bei den Mannschaftssportarten sam- meln viele junge Leute vereinsbezogen, will heissen, sie suchen alles über ihren liebsten Fussball- oder Eishockeyklub. Das sind auch sehr dankbare Sammler, weil sie oft eine Komplettierung ihrer Sammlung in gewissen Teilbereichen anstreben. Diese Jungsammler kaufen auch viel über Internetauktionen. Daneben gibt es im Sportbelletristikbereich ein paar Spezialgebiete, welche Anklang finden, wie etwa Spielerbiografien oder auch die Hooliganliteratur. Natürlich gibt es auch kuriose Sammlungen von Stadionpostkarten oder Fussballschallplatten.

Wie hat das Internet den Antiquariatsmarkt verändert?

Im Sport hat erst das Internet viele Leute zu Sammlern gemacht. Sie haben plötzlich gesehen, was es alles zu entdecken gibt. Aber es hat einige auch faul gemacht, gerade auf Händlerseite. Auf Flohmärkten und in Brockenhäusern findet man beispielsweise nicht mehr viel gute Ware. Mittlerweile bieten sie die interessanten Objekte aus ihrem Fundus lieber auf Online-Auktionsplattformen an, statt sie Samstag für Samstag an einen Markt zu schleppen. Andererseits ist es so, dass manchmal wertvolle Objekte nicht frei in den Verkauf gelangen, sondern von Antiquaren und Händlern direkt einem potenziell interessierten Sammler angeboten werden.

Wie beurteilst du den Stellenwert von Sportgeschichte in der Schweiz?

Das Umfeld des Sports hat sich bei uns in den letzten Jahren verändert. Es erscheinen beispielsweise viel mehr Sportpublikationen als noch vor fünf Jahren. Es beschäftigen sich sehr viel mehr Leute mit Phänomenen aus der Sportalltagskultur. Sportgeschichte wird aber in meinen Augen in der Schweiz noch zu wenig einem grossen Publikum zugänglich gemacht. Die Gilde der Sportjournalisten könnte hier einen grösseren Einfluss nehmen, aber sie klammern historische Themen weitgehend aus. Es gibt da wohl einen Interessenkonflikt: Im Journalismus ist vor allem das Aktuelle wichtig, allenfalls das Künftige, nicht aber das Vergangene.

Aber Sport baut doch stark auf Geschichten und Legenden auf ...

Stimmt. Viele interessierten sich für Sport ja ab dann, wo sie diese Welt erstmals richtig wahrnehmen. Die Begeisterung für Sport geht also oft auf Jugendjahre zurück. Dementsprechend ist der langjährige Sportfan eher nostalgisch veranlagt. Er erinnert sich gerne an früher, an unvergessene Spielzüge und allgemein an Rekorde und Erfolge. Also, Geschichten aus der Geschichte spielen beim Sport ganz klar eine sehr zentrale Rolle.

Was tragen die Sportvereine zu ihrer Geschichtsschreibung bei?

Meine Beobachtung ist, dass kleinere Vereine oft viel bessere Archive pflegen als grosse und dementsprechend schönere Jubiläumsschriften herausgeben. Eine Schwierigkeit in der Schweiz ist, dass gute Klubchroniken meist nicht in einem Verlag publiziert werden, dementsprechend eine kleine Auflage erreichen und schwer aufzutreiben sind. Von den wichtigen Schweizer Fussballvereinen haben einzig der FC Basel und die Young Boys ein brauchbares Klubarchiv. Diese zwei haben ihre Geschichte auch als Marketinginstrument erkannt und nutzen dieses Potenzial. Das Bewusstsein, dass dies möglich ist, ist aber erst in den letzten Jahren entstanden und musste von aussen in die Vereine hineingetragen werden.

Lohnt es sich für die Vereine nicht, ihre Geschichte aufzuarbeiten?

Es gibt bei diesem Thema einen interessanten Unterschied zwischen Deutschschweiz und französischer Schweiz. Bei uns in der Deutschschweiz macht man sich, bevor man ein Buch schreibt, die Überlegung: Wer um alles in der Welt könnte das lesen? In der Romandie wird einfach publiziert um des Buches willen, ohne übergeordnete Marketinggedanken. So stammen beispielsweise die wenigen existierenden Biografien über Schweizer Fussballer alle aus der Westschweiz. Aber auch hier ändern sich die Dinge langsam ein wenig. Der kommerzielle Erfolg von einigen Sportpublikationen lässt Verleger mehr Risiken eingehen. Das Buch über das Espenmoos-Stadion in St. Gallen war beispielsweise innert einem halben Jahr vergriffen.

Welches war deiner Meinung nach die Blütezeit der Sportpublikationen?

Aus den 1910er-Jahren sind sehr viele schöne Publikationen überliefert, auch weil Sport damals noch überwiegend eine Elitärkultur war. In Bern erschien die Zeitschrift «Sport» mit den grossartigen Einbänden von Emil Huber, leider nur für acht Jahre. Ein erster Gipfel wurde sicher in den 1930er-Jahren erreicht mit wunderbaren Sportillustrierten in Kupfertiefdruck. Nach dem Krieg erreichten die Sportgazetten dann ein viel grösseres Publikum, die Druckqualität nahm allerdings schnell ab. Die letzten grossen Schweizer Massenpublikationen «Tip» und «Sport» hielten sich dann bis zum Beginn der 1990er-Jahre.

Was geschah mit den Archiven dieser langjährigen Sportzeitschriften?

Beide Archive sind erhalten geblieben, wenn auch in unterschiedlicher Form. Das «Tip»-Archiv ist im Schweizerischen Sportmuseum frei zugänglich, das umfangreiche Fotoarchiv des «Sport» sicherte sich die Agentur Foto-Net.

Das Gespräch wurde geführt von Saro Pepe Fischer. 

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Pas beaucoup de bibliophiles, mais un public jeune et surtout masculin. Gregory Ger­mond ouvre sa librairie en 2001, après avoir constaté qu’il n’y avait pratiquement aucun bouquiniste en Suisse qui proposait des documents anciens concernant le sport et son histoire. Puis Internet est passé par là, qui a suscité chez beaucoup d’usagers une vo­cation de collectionneur. Une «librairie» spécialisée qui ne propose pas seulement des livres, mais aussi toute une série d’objets tels que maillots, autographes, insignes, sans oublier, bien sûr, les magazines qui font le bonheur des collectionneurs.