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2007/2 New Library World – Was gibt es Neues in den schweizerischen Bibliotheken?

Bibliotheken (ab)bauen! Bericht aus der Pestalozzi-Bibliothek Zürich (PBZ)

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Die Pestalozzi-Bibliothek Zürich (PBZ) befindet sich in einer Entwicklungsphase. Mehrere Ausbauprojekte konnten verwirklicht werden, andere sind im Gange oder in Planung. In diesem Zusammenhang hat die PBZ ihren Netzplan überprüft und entschieden, die Zahl der Standorte zu reduzieren. Die betroffene Bevölkerung reagiert zum Teil unwillig darauf.

Die Pestalozzigesellschaft in Zürich, der Trägerverein der Pestalozzi-Bibliothek Zürich (PBZ), wurde 1896 gegründet zum Gedenken an den 150. Geburtstag Johann Heinrich Pestalozzis. Ursprünglich gab es neben den Bibliotheken noch andere Tätigkeitsfelder: Konzerte, Bildungsveranstaltungen («Volkslehrkurse»), Unterhaltungsanlässe. Diese wurden jedoch im Laufe des 20. Jahrhunderts alle aufgegeben oder von andern Trägerschaften übernommen.

Von Anfang an wurden die Leistungen dezentral erbracht. Ausser einer Hauptbibliothek und einem Lesesaal in der Altstadt – erstere bis 1932 am oberen Mühlesteg in der Limmat, letzterer im Obergeschoss des Zunfthauses zum Rüden – gab es Bibliotheken und Lesesäle in vielen Stadtquartieren. Dies blieb auch so nach der zweiten Eingemeindung von 1934, als die vorher selbständigen Gemeinden ihre Gemeindebibliotheken in die Bibliotheken der Pestalozzigesellschaft integrierten. Einige wurden allerdings bei dieser Gelegenheit, andere dann während des Krieges geschlossen.

Das heutige Netz der PBZ ist in den Fünfziger- bis Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts entstanden. Eine wesentliche Rolle spielte dabei die Planung der städtischen Gemeinschaftszentren (ursprünglich «Freizeitanlagen»). Nach damaligem Konzept gehörte zum städtischen Freizeitangebot eine Bibliothek. Dies ist grundsätzlich richtig. Es entstanden jedoch auf diese Weise neue Bibliotheken, die aus heutiger Sicht entweder nicht am richtigen Standort oder im Netzplan nicht zwingend sind. Weil jedes Stadtquartier damals eine Freizeitanlage bekam, konnte damit auch das Motto «Jedem Quartier seine Bibliothek!» verwirklicht werden. Heute bestehen diesem Motto gegenüber grosse Vorbehalte, ebenso wie der damals geläufigen Devise «Jeder Gemeinde ihre Bibliothek!» – Doch mehr davon später.

Während etwa 25 Jahren (Ende Sechzigerjahre bis Anfang Neunziger Jahre) bestand das Netz der PBZ aus der Hauptstelle und 18 Quartierbibliotheken. Einige davon waren lediglich um die 100 m2 gross oder noch kleiner. Im Zuge von Sparmassnahmen wurden 1994 zwei Bibliotheken geschlossen: Heerenschürli (im Gemeinschaftszentrum), am Rande des Quartiers Schwamendingen (daneben bestand und besteht eine Bibliothek im Zentrum des Quartiers), und Albisrieden, eine winzige Bibliothek, ausschliesslich für Erwachsene. Davon abgesehen hat sich das Netz von den frühen Siebzigerjahren bis in die Anfangsjahre des 21. Jahrhunderts kaum mehr verändert. Insbesondere blieb die Suche nach grösseren Lokalen an geeigneten Standorten erfolglos.

Masterplan

Seit ein paar Jahren hat sich die Situation für die PBZ wesentlich verbessert und eine Erneuerungsphase ermöglicht. Es gibt dafür mehrere Gründe:

a)  Die Lage auf dem Liegenschaftsmarkt hat sich entspannt.

b)  Durch ihre kontinuierliche, qualitätsvolle und stark nachgefragte Leistung hat sich die PBZ einen guten Ruf erworben und wird als ernsthafte Partnerin anerkannt.

c)  Die Stadt anerkennt den Erneuerungsbedarf der PBZ und ist bereit, überzeugende Projekte zu finanzieren. (Bezüglich der Betriebskosten ist die PBZ allerdings unverändert knapp gehalten, was bedeutet, dass der Betrieb im Prinzip nicht mehr kosten darf als bisher.)

d)  Bei den Planungsgremien in der Stadtverwaltung weiss man um die Bedürfnisse der PBZ, und man kommt ab und zu, meistens spät, gelegentlich aber sogar frühzeitig, auf sie zu, wenn es um grössere Überbauungen geht, um nachzufragen, ob Interesse an einem Einbezug bestehe.

e)  Mindestens einzelne Planer haben erkannt, dass eine Bibliothek ein Quartier beleben und aufwerten und die Lebensqualität steigern kann.

f)  Mit grosser Anstrengung gelang es der PBZ, Drittmittel zu beschaffen und damit einen Erneuerungsfonds zu äufnen. Dies ist nötig, weil die Stadt Zürich bei den meisten Projekten nur einen Teil der Kosten zu übernehmen bereit ist und die PBZ zwischen 15 und 20% selbst finanzieren muss.

g) Und schliesslich profitiert die PBZ davon, dass die Bedeutung der öffentlichen Bibliotheken für Kultur und insbesondere für die (schulische) Bildung generell höher geachtet wird als früher.

In dieser Situation ging es nun nicht nur darum, die bestehenden Bibliotheken zu erneuern, allenfalls zu verlegen und zu vergrössern, sondern nötig war ein Entwicklungskonzept mit Netzplan. Damit sollte auch gegenüber den Stadtbehörden deutlich gemacht werden, dass die geforderten Mittel in einen planmässigen und zielgerichteten Ausbau flossen. Auf dieser Grundlage erarbeitete die PBZ 2003 einen Masterplan, der 2006 leicht modifiziert und à jour gebracht wurde. 

Folgende Aussagen sind darin zentral:

1. Insgesamt wird die Zahl der Standorte reduziert. Kleine Bibliotheken sollen nach Möglichkeit an einem zentralen Standort zusammengelegt werden. Dabei geht es nicht darum, Betriebskosten zu sparen, sondern es sollen die verfügbaren Ressourcen bestmöglich eingesetzt werden. Mit einer reduzierten Anzahl dafür besser dotierter und günstig gelegener Bibliotheken sollen insgesamt verbesserte Dienstleistungen erbracht werden.

2. Selbstverständlich ist ein pragmatisches Vorgehen, basierend auf dem status quo, angezeigt.

3. Die Bibliotheken werden in vier Kategorien eingeteilt:

a) Bibliotheken mit zentralstädtischer Funktion

b) Bibliotheken, die mehrere Quartiere abdecken

c) Quartierbibliotheken (für ein einziges Stadtquartier)

d) kombinierte Quartier- und Schulbibliotheken

Für jede Kategorie gibt es ungefähre Grössenangaben, wobei keine Bibliothek kleiner als 350 m2 sein soll. 

Dieses Konzept gewährleistet einen optimalen Einsatz der vorhandenen Mittel. Es erlaubt ferner die Bewältigung der hohen Frequenzen. Diese sind seit Jahren kontinuierlich gestiegen (allerdings mit einem geringfügigen Einbruch 2006). In grösseren Einheiten kann der Betrieb effizienter abgewickelt werden; es lohnt sich der Einsatz von Selbstbedienungsterminals. Und selbstverständlich verfügen die grösseren Einheiten über ein umfangreicheres Angebot, längere Öffnungszeiten und mehr qualifiziertes Personal, das für Information und Beratung zur Verfügung stehen soll.

Die Tendenz zu grösseren und gut ausgebauten Bibliotheken anstelle von zahlreichen kleinen ist weltweit im öffentlichen Bibliothekswesen zu beobachten. Sie entspricht zudem der Entwicklung in vielen andern Bereichen, nicht zuletzt auch bei den Publikumsdiensten der Stadtverwaltung. Das Publikum ist bereit und in der Lage, für ein attraktiveres Angebot etwas grössere Wege zurückzulegen. Dies hat schon eine Publikumsbefragung im Jahre 2003 gezeigt (vgl. Artikel in arbido 2-2004).

Der Masterplan wurde dem Stadtrat (Exekutive) vorgelegt. Dieser hiess ihn im Grundsatz gut, und er stellte sich insbesondere auch hinter die Strategie der «Konzentration der Mittel». Für die einzelnen Projekte muss dann von der PBZ meist trotzdem mit umfangreichem Gesuch und überzeugendem Argumentarium der nötige Objektkredit beantragt werden. Es gibt daneben auch jene Fälle, bei denen die Bibliothek Teil eines von der Stadt geplanten Gebäudes ist, das vorwiegend andern Zwecken dient. Hier liegt der Entscheid meist beim Stimmvolk. Die Tatsache, dass eine Bibliothek Teil des Projekts ist, wird dann von den Behörden gerne hervorgehoben.

Auf dieser Basis konnten inzwischen einige Projekte realisiert werden, andere befinden sich in Planung:

  • Aussersihl: Verlegung ins Erdgeschoss eines Neubaus der Genossenschaft Dreieck an günstiger Lage mit 335 m2 (2003)
  • Schwamendingen: Verlegung aus dem 1. OG ins EG der gleichen sehr günstig gelegenen Privatliegenschaft am Schwamendingerplatz und Vergrösserung auf 610 m2 (2004)
  • Leimbach: Schulhausneubau mit der bisher einzigen kombinierten Quartier- und Schulbibliothek mit 300 m2 (2006)
  • Altstetten: Vergrösserung auf 505 m2 und Gesamtrenovation der bestehenden Bibliothek im Kreisgebäude am Lindenplatz (2006)
  • Hauptstelle: Erweiterung ins EG und UG am bestehenden Standort (in einer städtischen Liegenschaft) und damit Vergrösserung auf 2000 m2 sowie Gesamtrenovation (2005 bis 2007)
  • Sihlcity: Neue Bibliothek im neuen Stadtteil mit Einkaufs-, Freizeit- und Kulturzentrum in Zürich Süd, 680 m2. Dafür Schliessung von zwei bestehenden Quartierbibliotheken (Enge, 130 m2, und Heuried, 240 m2), 2007
  • Oerlikon: Vergrösserung ins UG auf ca. 900 m2 am jetzigen, ausgezeichneten Standort. Das Gesuch wird im Sommer 2007 eingereicht, Realisierung voraussichtlich 2008. Es ist geplant, nach dem Ausbau der Bibliothek Oerlikon die Bibliothek Seebach (140 m2, im Gemeinschaftszentrum) zu schliessen.
  • Hardau/Albisriederplatz: Neue Bibliothek, die als interkulturelle bzw. Fremdsprachen-Bibliothek für die ganze Stadt und als Schulbibliothek für ein neues Schulhaus funktionieren wird. Für diese zusätzliche Bibliothek von ca. 500 m2 gibt es eigene Betriebsmittel, die gleichzeitig mit dem Baukredit beschlossen wurden. Baubeginn 2007, Inbetriebnahme 2009. (Die Volksabstimmung über das Schulhausprojekt mit Bibliothek fand bereits im Februar 2005 statt. Durch Rekurse von Anwohnern wurde der Baubeginn jedoch verzögert.)
  • Escher-Wyss-Platz: Auf einem unbebauten Grundstück plant die Stadt eine grosse Überbauung mit Schulhaus, Park und Quartierzentrum. Für eine Bibliothek der PBZ sind im Raumprogramm 1000 m2 vorgesehen. Die Planung steht erst am Anfang. Die Volksabstimmung könnte ca. 2009 stattfinden. Eröffnung wäre dann etwa 2011. Falls das Projekt wie vorgesehen realisiert wird, würden die kleinen Bibliotheken Buchegg, Höngg und Wipkingen (zusammen 415 m2) geschlossen.

Zwischen der Stadt Zürich und der PBZ besteht eine Leistungsvereinbarung. Darin ist u.a. festgehalten:

Zur Erreichung dieser Ziele betreibt die PBZ in der Stadt Zürich ein Bibliotheksnetz, bestehend aus einer Hauptstelle und dezentralen, über das Stadtgebiet verteilten Bibliotheken. Sie berücksichtigt die Bedürfnisse wenig mobiler Bevölkerungskreise bei der Ausgestaltung des Netzes und der Wahl der Standorte angemessen. ... Die Leistungen werden an verschiedenen Standorten erbracht, deren Anzahl, Verteilung und Lage sich an betrieblichen Kriterien und an den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer orientiert.

Es ist also Sache der PBZ, zu entscheiden, wo sinnvollerweise eine Bibliothek neu zu bauen ist und wo eine bestehende nicht mehr erforderlich ist.

Der Masterplan zeigt konkret auf, bei welchen Bibliotheken bzw. in welchen Quartieren grosser, mittlerer oder gar kein Handlungsbedarf besteht.

Sihlcity

Als Bibliothek mit grossem Handlungs- bedarf ist Enge angegeben. In diesem zentrumsnahen Quartier, das geprägt ist von neuen und älteren Bürogebäuden mit hohen Mietpreisen sowie von angenehmen und entsprechend teuren Wohnsiedlungen, hatte die PBZ schon lange nach geeigneten Lokalitäten gesucht, jedoch ohne Erfolg. Eine Anfrage ging 2005 an die Verwaltung der Grossüberbauung Sihlcity, wo auf dem Areal der ehemaligen Papierfabrik ein Einkaufs-, Freizeit- und Kulturzentrum mit beachtlichen Dimensionen im Entstehen war. (www.sihlcity.ch)

Die beiden Lokale, die der PBZ angeboten wurden, waren jedoch ungeeignet. Die Verantwortlichen der PBZ bedauerten dies, denn sie hielten den Standort und die Umgebung für sehr günstig. Sie unternahmen deshalb einen neuen Vorstoss, wiesen auf den Nutzen hin, den eine Bibliothek dem ganzen Zentrum bringen würde, und fügten umfangreiches Dokumentationsmaterial an, um dies zu belegen.

Schliesslich kam – etwa acht Monate vor dem Eröffnungstermin des Zentrums – ein weiteres Angebot, diesmal mit bestens geeigneten Räumlichkeiten, sogar zu bezahlbaren Konditionen: 677 m2 im Erd- und einem Galeriegeschoss, direkt an der Haltestelle der S-Bahn, rundum verglast, jedoch nicht im Einkaufszentrum, was zu Problemen mit den Öffnungszeiten geführt hätte (im Einkaufszentrum sind einheitliche Öffnungszeiten Mo–Sa 9 bis 20 Uhr vorgeschrieben; da kann die PBZ leider nicht mithalten!)

Aufgrund der Grösse des Lokals und der verkehrsgünstigen Lage kann die Bibliothek in Sihlcity nicht nur die Bibliothek Enge ersetzen, sondern auch die Bibliothek Heuried, die zwar grösser ist als Enge, jedoch auch nicht in allen Teilen den Anforderungen entspricht und für die im Gemeinschaftszentrum keine Entwicklungsmöglichkeit besteht. Im November 2006 entschied der Vorstand auf Antrag der Geschäftsleitung deshalb einstimmig, eine neue Bibliothek in Sihlcity zu errichten und dafür die beiden Bibliotheken Enge und Heuried zu schliessen.

Im Quartier Enge löste dies keine Reaktionen aus, da Sihlcity nahe liegt und die ungünstigen Verhältnisse der jetzigen Bibliothek allgemein anerkannt sind. Im Quartier Heuried hingegen stiess der Entscheid teilweise auf heftigen Widerstand. Die Verantwortlichen der PBZ hatten damit gerechnet und wären enttäuscht gewesen, wenn Reaktionen ausgeblieben wären, denn es ist ja erfreulich, vor allem für das Team der Bibliothek Heuried, dass viele Kundinnen und Kunden, aber auch andere Menschen aus dem Quartier, sich für den Erhalt der Bibliothek einsetzen.

Zu einem von der PBZ organisierten Orientierungsabend im Quartierzentrum kam zwar fast niemand. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sich der Widerstand artikulierte. Dann jedoch wurden Leserbriefe an die Zeitung verfasst. Es kamen Briefe und Mails in grosser Zahl, viele mit identischem Text, viele von Menschen, die nie zuvor die Bibliothek benutzt hatten. Auf einmal bekam die Bibliothek eine Bedeutung, die sie vorher nie gehabt hatte. Eine Quartierorganisation fand eine Aufgabe im Kampf für die Erhaltung der Bibliothek (www.qn3.ch). Unterschriften wurden gesammelt und dem Vorsteher des Schul- und Sportdepartementes, Stadtrat Gerold Lauber, mit einer Petition überreicht, obschon dieser mit dem Entscheid höchstens indirekt zu tun hatte. Mit dazu beigetragen, dass das Thema lange aktuell blieb, hat die eifrige Berichterstattung einer Zürcher Tageszeitung, die kurz zuvor einen neuen Lokalteil geschaffen hatte.

Die vorgebrachten Argumente waren in verschiedener Hinsicht von Interesse. Für die PBZ waren sie teilweise insofern ernüchternd, als darin eine völlig rückwärtsgewandte Sicht der Bibliothek zum Ausdruck kam: Diese ist in den Augen der Protestierenden die Lesestube für die Kinder, ein Stück heile Welt, eine Oase der schönen und guten Literatur, ein Ort, wo Kinder auf den rechten Weg (zurück)gebracht werden. Selbstverständlich wurde immer wieder Pestalozzi bemüht, von dem die Schreibenden mit Bestimmtheit zu sagen wussten, dass er nicht mehr aufhöre damit, sich im Grabe umzudrehen. In vielen Schreiben wurde der PBZ vorgeworfen, durch den Umzug in das neue Zentrum, das nur als Einkaufszentrum und Konsumtempel wahrgenommen wird, ihre Ideale zu verraten und die Jugend zum Konsum und zum Herumhängen in zweifelhafter Umgebung zu verführen. Einer bezichtigte die PBZ gar, in ihrer völligen Verblendung gewiss einmal noch auf die absurde Idee zu kommen, eine Bibliothek in einen Bahnhof zu verlegen (was zugegebenermassen durchaus schon erwogen wurde). Dass die Bibliothek (auch) ein Ort der Auseinandersetzung mit aktuellen Problemen und damit ein Abbild der Gesellschaft ist, das ist zwar hoffentlich allen bewusst, die in einer Bibliothek tätig sind, einem grossen Teil der Bevölkerung jedoch nicht. Ein Trost ist immerhin, dass viele der Schreibenden die Bibliothek nicht persönlich kannten.

Was die PBZ offensichtlich unterschätzt hatte, war eine bereits vorhandene Missstimmung im Quartier; man fühlt sich schlecht behandelt. («Man hat uns schon die Post weggenommen, und jetzt geht auch noch die Bibliothek!»)

Der Entscheid der PBZ ist jedoch konsequent und deshalb endgültig. 

Hingegen bemüht sich nun das Schul- und Sportdepartement, zusammen mit Interessierten aus dem Quartier und dem Gemeinschaftszentrum, eine Lösung zu finden, die dem benachbarten Schulhaus die erforderliche Schulbibliothek bringen soll, die zu beschränkten Zeiten auch andern Kindern aus dem Quartier offen stehen könnte.

Die Situation hat in der Zwischenzeit dadurch noch an Brisanz gewonnen, dass das gleiche Quartier durch (tatsächliche oder vermeintliche) Missstände in zwei Schulhäusern schweizweit in die Schlagzeilen geriet und der Schulvorstand deshalb unter zusätzlichen Beschuss kam. Dass er versuchen will, die Gemüter zu beruhigen, ist deshalb verständlich. Ob die halböffentliche Schulbibliothek dafür genügt, ist fraglich. Es gibt Hardliner, die immer noch an der Maximalforderung festhalten, der Stadtrat müsse die PBZ zwingen (und entsprechend finanzieren), die Bibliothek Heuried wie bisher weiterzuführen. Zur Zeit der Abfassung dieses Artikels steht die Stellungnahme des Stadtrates noch aus.

Für die PBZ ist die Bibliothek in Sihlcity zweifellos eine ausgezeichnete Chance, das Image, wie es in den genannten Reaktionen zum Ausdruck kommt, zu korrigieren und sich als moderne, vielseitige Institution zu profilieren. Sie befindet sich dort in einer innovativen Umgebung mit interessanter Architektur. Sihlcity ist ausgerichtet auf ein anspruchs- volles urbanes Publikum. In Fussgänger- und Fahrraddistanz befinden sich etwa 20000 Arbeitsplätze (davon ein grosser Teil bei der Crédit Suisse) und wohnen etwa 25 000 Menschen.

Selbstverständlich besteht auch ein Risiko: Noch ist nicht bekannt, wie der neue Stadtteil von der Bevölkerung auf die Dauer angenommen wird und ob die Bibliothek in dieser Umgebung ein Anziehungspunkt sein wird. Zahlreiche Reaktionen und viele Anfragen aus dem Publikum, wann denn nun die neue Bibliothek endlich aufgehe, deuten jedoch darauf hin, dass der Zuspruch gross sein wird. Es ist dabei durchaus zu erwarten, dass mindestens ein Teil der jetzt noch heftig opponierenden Quartierbevölkerung das deutlich verbesserte Angebot (auch dank der direkten Busverbindung) mit der Zeit ebenfalls annehmen wird.

Die Bibliothek Sihlcity wird im Rekordtempo realisiert. Die Zeit zwischen dem Angebot des Lokals durch den Vermieter und der Eröffnung der Bibliothek beträgt weniger als ein Jahr. (Beim Um- und Ausbauprojekt Hauptstelle war mehr als das Zehnfache an Zeit erforderlich.) Das Gesuch um einen Objektkredit wurde von der PBZ am 2. Nov. 2006 (einen Tag nach dem Vorstandsbeschluss) eingereicht. Die Antwort des Stadtrates kam Mitte Dezember. Da dieser nur einen Teil, nämlich 850 000 Franken, der Investitionskosten von 1 160 000 Franken bewilligte, musste der Vorstand aus dem Erneuerungsfonds den restlichen Kredit freigeben. Dies geschah noch vor Weihnachten. Detailplanung, Baueingabeverfahren und Ausschreibungen wurden dank der bereits eingespielten Zusammenarbeit zwischen der PBZ und der Architektin Andrea Teuwen, in diesem Projekt unterstützt von ihrer Kollegin Chantal Imoberdorf, innert kürzester Frist abgewickelt. Die Bibliothek öffnete zwar nicht wie die meisten übrigen Betriebe in Sihlcity schon im März, der Eröffnungstag ist auf 7.7.2007 festgelegt, und dieses ehrgeizige Ziel wird auch eingehalten.

Es bleibt noch anzumerken, dass die Diskussion um die Zusammenlegung von Bibliotheken der PBZ bzw. die Schliessung kleiner bestehender Bibliotheken inzwischen auch auf andere Quartiere übergegriffen hat. Es ist ruchbar geworden, dass dies im Masterplan vorgesehen ist, und es wird zum Teil jetzt schon Widerstand angekündigt. Da es in den künftigen Fällen von der Projektierung bis zur Realisierung wesentlich länger dauert, wird die PBZ genügend Zeit haben, im Dialog mit dem Quartier um Verständnis zu werben und auf die Richtigkeit der Strategie hinzuweisen.

Fazit

Für die PBZ wie für jede andere Bibliothek geht es darum, mit den verfügbaren Ressourcen den bestmöglichen Service für die Bevölkerung bzw. für die Nutzenden zu bieten. Im Falle eines Bibliotheksnetzes stellt sich dabei die Frage nach der Dichte des Netzes. Welche Distanz nimmt der Nutzer in Kauf für ein besseres Angebot und insbesondere für bessere Öffnungszeiten?

Die Frage lässt sich nicht mit einer allgemeingültigen Formel beantworten. Es besteht jedoch kein Zweifel darüber, dass die Antwort heute anders lauten muss als vor zwanzig oder dreissig Jahren. Die Anforderungen an die einzelne Bibliothek sind heute wesentlich höher; Stichworte dazu: grössere Medienvielfalt, teure Infrastruktur, erforderliches Know how des Personals; ausserdem erwartet das Publikum grosszügige Öffnungszeiten, was in der oben zitierten Befragung von 2003 ebenfalls zum Ausdruck kam.

Sollten wir diesen heute selbstverständlichen Standard an allen Standorten des vor zwanzig oder vierzig Jahren entstandenen Netzes erbringen wollen, müssten die Bibliotheken wesentlich mehr Mittel zur Verfügung haben. Dass die öffentliche Hand diese zur Verfügung stellen wird, ist nicht anzunehmen. Also muss die Anzahl der Bibliotheken reduziert werden. Während der Boomphase der öffentlichen Bibliotheken in den Sechziger- und Siebzigerjahren hiess die Devise: Jeder Gemeinde ihre Bibliothek, jedem Quartier seine Bibliothek! Ob dies damals die richtige Politik war, ist hier nicht zu beurteilen, heute ist sie jedenfalls nicht mehr haltbar.

Was also ist zu tun? Im Falle eines städtischen Netzes wie dem der PBZ kann ein Netzplan, der selbstverständlich vom status quo ausgeht, erarbeitet und schrittweise umgesetzt werden. Schon dies ist schwierig, wie die Erfahrungen von Zürich zeigen. Noch schwieriger wird die Sache in einer Region, einem Kanton, wo es darum geht, einen Netzplan, bestehend aus lauter autonomen Gemeindebibliotheken mit individueller Trägerschaft, zu bilden. Dies braucht einerseits die Einsicht der direkt Betroffenen, anderseits die organisatorische und wohl auch finanzielle Unterstützung der übergeordneten Ebene, in der Regel also des Kantons. Einen viel versprechenden Ansatz dazu findet man im Bibliotheksplan des Kantons Wallis (www.mediathek.ch). Insgesamt bleibt da für die kantonalen Instanzen noch viel Arbeit.

Ebenso wichtig ist allerdings, und auch hiefür ist der «Fall Heuried» ein Beispiel, dass die Bevölkerung und besonders auch Verwaltung, Politik und Medien zur Kenntnis nehmen, was eine moderne öffentliche Bibliothek leisten kann und soll, was von ihr erwartet werden darf und welchen Nutzen sie dem Gemeinwesen zu bringen in der Lage ist. Hier bleibt viel zu tun! In Zürich jedenfalls herrscht noch ein absolut gestriges Bibliotheksbild vor. Es besteht jedoch die berechtigte Hoffnung, dass die gegenwärtige Erneuerungsphase und die Strategie der PBZ allmählich einen Wandel bewirken, der im günstigen Fall sogar über Zürich hinaus zur Kenntnis genommen wird.

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Christian Relly

Direktor der Pestalozzi-Bibliothek Zürich

Mitglied der Kantonalen Bibliothekskommission Zürich

Präsident der SAB von 1993 bis 2001

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Abstract

La Bibliothèque Pestalozzi de Zurich (PBZ) se trouve dans une phase de développement. Plusieurs projets ont pu être réalisés, d’autres sont en cours de réalisation ou de planification. Parallèlement, la PBZ a revu le schéma de son réseau et décidé de réduire le nombre de ses succursales. Une partie de la population concernée réagit de manière indignée.