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2005/1 Bibliotheken für eine lernende Nation: Beispiel Singapur/ Die kritische Würdigung des «Branchendudens»

Wenn BibliothekarInnen die Wahl der Qual haben

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Zum Markt der Nachdiplomstudien

Wenn Bibliothekarinnen und Bibliothekare sich spezialisieren wollen oder wenn Universitätsabgänger, die in Bibliotheken arbeiten, sich unerlässliches Fachwissen aneignen möchten, treffen sie auf ein Angebot, das einiges Kopfzerbrechen bereitet. In Kürze soll nämlich mit acht Nachdiplomstudiengängen um die Gunst der Interessenten geworben werden. Da sieht die Situation bei der bibliothekarischen Grundausbildung (Berufsschule und Fachhochschule) gerade wohltuend bescheiden aus, obwohl der potentielle «Kundenkreis» um einiges grösser ist.

Ein Grund für das überaus grosse Angebot ist sicher einerseits die gesteigerte und differenzierte Nachfrage unter den Ausbildungswilligen. Das sich immer schneller ändernde Arbeitsumfeld verlangt nach Aktualisierung der Kenntnisse und oft auch nach Spezialisierung. Die wachsende Mobilität und die Öffnung der Grenzen wecken zudem das Bedürfnis nach internationaler Anerkennung der Ausbildungen.

Der Grund für die hohe Zahl der Studiengänge ist andererseits aber auch auf die direkte Initiative der Anbieter selbst zurückzuführen. In der Folge der Reform des Hochschulwesens (Bologna-Prozess) drängen zum Beispiel die Fachhochschulen mit neuen Angeboten auf den Markt und treten so mit den bereits bestehenden Studiengängen in Wettbewerb. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur (HTW) wird somit ab 2005 einen Master of Science in Information Science anbieten. Wenn sie parallel dazu aber auch weiterhin ihren Nachdiplomstudiengang I+D weiterführen will, stellt sich natürlich die Frage, inwiefern sie auch ihrem eigenen Angebot Konkurrenz macht.

In Luzern bietet die Hochschule für Wirtschaft bereits jetzt zwei Nachdiplomstudiengänge an: den 1994 eingeführten Kaderkurs für Diplombibliothekarinnen und Diplombibliothekare sowie den 2005 zum dritten Mal stattfindenden Nachdiplomkurs Information und Dokumentation.

Obwohl sich auch die Westschweizer Fachhochschulen über Postgradstudien Gedanken machen, hat die Genfer Haute Ecole de Gestion (HEG) in dieser Hinsicht zumindest noch keine offiziellen Pläne. Der Grund für dieses Zögern mag vielleicht sein, dass die HEG bereits anderweitig aktiv ist. So bietet sie gemeinsam mit der Universität Genf das zweijährige Certificat de formation continue en information documentaire (CESID) an. Dieses Studium richtet sich an Absolventen einer I+D-Berufsausbildung (Fachhochschule oder gleichwertige Ausbildung) oder an Universitätsabsolventen irgendeiner Richtung, die im ersten Jahr jedoch noch eine bibliothekarische Zusatzausbildung machen müssen. Ob die HEG bei einer eventuellen Einführung eines eigenen Masters am CESID festhalten wird, wird sich weisen.

Ebenfalls ein Gemeinschaftsprodukt ist das von den Universitäten Freiburg und Genf seit 2001 in Partnerschaft mit dem BBS durchgeführte berufsbegleitende und gut ein Jahr dauernde Certificat de formation continue en gestion de documentation et de bibliothèque, das sich an berufserfahrene Bibliothekare mit Bibliothekarsdiplom oder Universitätsdiplom richtet.

Die Universitäten Bern und Lausanne wollen unter der Federführung der Archivare für das Jahr 2006 ein einjähriges oder als Variante ein berufsbegleitendes zwei- jähriges Masterstudium Archiv- und Informationswissenschaften einführen. Dieses Angebot soll das seit 2002 von den Universitäten Lausanne, Genf und Bern organisierte Certificat de formation continue en archivistique ablösen und – wohl sicher auch aus finanziellen Überlegungen – zusammen mit den Bibliothekaren und Dokumentalisten durchgeführt werden. Mit dem geplanten Masterstudium sollen Universitätsabsolventen angesprochen werden, die sich nachträglich im I+D-Bereich spezialisieren wollen.

Ein entsprechendes Zielpublikum hat auch der seit 1987 von der Zentralbibliothek Zürich in Zusammenarbeit mit dem BBS organisierte Kurs für Wissenschaftliche Bibliothekare. Obwohl dessen Abschlussdiplom nicht von offizieller Stelle anerkannt ist, bleibt der Kurs nach wie vor wegen seiner Praxisbezogenheit und der niedrigen Gebühren sehr beliebt.

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sich das grosse Angebot an Nachdiplomkursen in weiterer Zukunft halten wird. Und dies ist – in Anbetracht der qualitativen Anforderungen – wohl auch nicht wünschenswert. Einem zermürbenden Konkurrenzkampf zwischen den Anbietern ist eine fruchtbare Koordination vorzuziehen. Ansätze dazu bestehen auch bereits: Zusammenarbeit zwischen Fachhochschulen und Universitäten oder sprachübergreifend zwischen mehreren Universitäten sowie die Einbeziehung der Verbände und nicht zu vergessen der Bibliotheken sind nötig, um Aktualität, internationale Anerkennung, Praxisbezug und Kosteneinsparung zu garantieren.

Die Aufgabe der Verbände wird es aber auf jeden Fall weiterhin sein, die Mitglieder über das Angebot zu informieren und zu orientieren.

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Matthias Müller

Leiter Information der Zentralbibliothek Zürich 

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